«Für meinen Traum einer chancengleichen Gesellschaft setze ich mich als Gewerkschafterin ein»

«Für meinen Traum einer chancengleichen Gesellschaft setze ich mich als Gewerkschafterin ein» Linda Rosenkranz am Rednerpult
04.11.2021

Linda Rosenkranz, die Kommunikationsleiterin des Dachverbandes Travail.Suisse, nahm am 29. und 30. Oktober 2021 im Rahmen der Frauensession im Nationalratssaal Platz. transfair hat mit ihr darüber gesprochen, wie sie die Frauensession erlebte, für welches Thema sie sich als Gewerkschafterin besonders eingesetzt hat und warum sie die Frauensession zuerst doof fand.

Linda, als du erfahren hast, dass du an die Frauensession gewählt wurdest, was ging dir als erstes durch den Kopf?

Ich konnte es zuerst nicht so recht glauben. Ehrlicherweise war ich mir am Anfang nicht so sicher, ob die Frauensession das Richtige für mich ist. Denn grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass Gleichstellungsthemen von Frauen und Männern gemeinsam diskutiert werden sollten – Gleichstellung darf nicht Frauensache bleiben. Doch gleichzeitig müssen wir jede Gelegenheit nutzen, um die Gleichstellung voranzutreiben. Die Frauensession ist ein Mosaiksteinchen im grossen Bild. Und natürlich habe ich mich sehr darauf gefreut, neue Personen kennenzulernen, mich mit ihnen zu vernetzen und als Gewerkschafterin den Themen, die den Arbeitnehmerinnen am Herzen liegen, eine Stimme zu geben.

Du warst ja passenderweise auch Mitglieder der Kommission für Arbeit und Absicherung. Kannst du uns davon mehr erzählen?

Wir hatten vor der Session zwei Tage Zeit, um über die relevanten Themen zu debattieren und uns auf fünf Motionen zu einigen. Logischerweise waren wir nicht überall gleicher Meinung. Deshalb gab es nach den Kommissionssitzungen die Möglichkeit, zu allen formulierten Motionen Einzelanträge einzureichen. Über sie und über die Motionen haben wir dann an der Frauensession abgestimmt. Es waren zwei spannende und intensive Vorbereitungstage und sie waren so, wie ich sie mir auch in «echt» vorstelle: wir haben Allianzen geschmiedet, Kompromisse gesucht und teilweise gefunden, Netzwerkarbeit betrieben und darüber abgestimmt, was wir der gesamten Session vorlegen.

Und für welche Themen hast du dich eingesetzt?

Ich habe mich als Vertreterin der Arbeitnehmerinnen auf drei Themen fokussiert und zusammen mit meinen Kolleginnen dafür gekämpft, dass wir sie auch so dem Gesamtrat vorschlagen konnten. Eine meiner Herzensangelegenheiten ist die Bekämpfung der Lohndiskriminierung. Zwar hat das revidierte Gleichstellungsgesetz zum Ziel, diese zu bekämpfen. Neu müssen Unternehmen mit mehr als 100 Angestellten Lohnanalysen durchführen. Doch leider gibt es weder Kontrollen noch Sanktionen. Das muss sich ändern. Genau weil das neue Gesetz ein zahnloser Papiertiger ist, haben Travail.Suisse gemeinsam mit transfair und weiteren Mitgliedsverbänden das Tool RESPECT8-3.CH lanciert. Unternehmen können sich dort eintragen und beweisen, dass sie Vorreiter der Lohngleichheit sind.
 
Damit ist es aber noch nicht getan. Gleichstellung ist weit mehr als nur der Lohn. Und darum fordern wir ein Bundesamt für Gleichstellung. Momentan gibt es nur ein eidgenössisches Büro. Das ist zu wenig und es verfügt über viel zu geringe Ressourcen. Es braucht ein Bundesamt, das der Gleichstellung der Geschlechter endlich mehr Gewicht verleiht.

Und gell, da gibt es auch noch ein drittes Thema? Dazu warst du ja sogar im 10vor10?

Genau. Es geht darum, dass die unbezahlte Care-Arbeit in der beruflichen Vorsorge abgebildet wird. Es ist noch immer so, dass der grösste Teil der unentgeltlichen Pflege- und Betreuungsarbeit von Frauen verrichtet wird. Darunter leiden die Frauen im Alter – sie haben weniger Geld in ihre Altersvorsorge einbezahlt. In der AHV wird dem über Erziehungs- und Betreuungsgutschriften Rechnung getragen. Deshalb gibt es fast keinen «Gender Pension Gap» in der AHV. Bei der Pensionskasse allerding beträgt diese Lücke – also der Rentenunterschied zwischen Männern und Frauen ganze 60 Prozent, was bedeutet, dass den Frauen durchschnittlich 1700 Franken pro Monat fehlen – weil sie sich um Kinder oder um betagte Eltern gekümmert haben. Deshalb ist die Forderung, dass diese Erziehungs- und Betreuungsgutschriften auch in der beruflichen Vorsorge zum Zug kommen, mehr als legitim. Unbezahlte Betreuungsarbeit zu leisten ist das eine; nach der Pensionierung darunter zu leiden, ist ein absolutes No-Go. Denn die Altersarmut in der Schweiz ist vor allem eines: weiblich.
 
Diese Forderung konnte ich vor der Kamera im 10vor10 erläutern. Das war eine spannende Erfahrung: seit mehr als 10 Jahren berate ich beruflich Kolleginnen und Kollegen zu Medienauftritten. Nun mal auf der anderen Seite der Kamera zu stehen war schon speziell.

Und die Frauensession selbst, wie war sie?

Sie war grandios, inspirierend, elektrisierend und hat Bock auf mehr gemacht. Wir haben knallhart debattiert, diskutiert, gelacht, zugehört und wirklich Politik betrieben. Die Zeit der Frauen ist da und dieses Gefühl von «gemeinsam schaffen wir alles» hat uns wahrlich Flügel verliehen. Jetzt gilt es weiterzudenken, eine wichtige Frage ist für mich: Wie nehmen wir die Männer mit? Denn nur gemeinsam schaffen wir, was allen Geschlechtern zugutekommen würde: eine echte Gleichstellung.

Und was nimmst du für dich mit?

Ich nehme für mich mit, dass wir Frauen – und Männer - jede Gelegenheit nutzen müssen, um etwas für die Gleichstellung zu tun. Ich bin mir bewusst, dass nicht jede Frau die Zeit, das Wissen, den Zugang oder die Energie dazu hat. Ich bin mir meiner privilegierten Situation bewusst. Für mich ist es zentral, aus dieser privilegierten Situation etwas zu machen, Gleichstellung mitzugestalten und ein Sprachrohr für jene zu sein, die es selbst nicht können. Mein Traum ist eine chancengleiche Gesellschaft, die es allen Menschen ermöglicht, ihre eigenen Chancen zu nutzen, und zwar ohne unnötige Barrieren. Dafür setzte ich mich auch als Gewerkschafterin ein.

Und nun, wie geht es weiter mit den Forderungen?

Die angenommenen Motionen haben wir dem Parlament übergeben. Sie werden jetzt in Form von Petitionen in den parlamentarischen Kommissionen beraten. Es liegt also an den Kommissionsmitgliedern, die Forderungen der Frauensession weiterzutragen. Ich bin sehr gespannt, wie der Prozess weiterläuft und was mit unseren Forderungen passiert.
 

Das ist die Frauensession

1991 fand sie zum ersten Mal statt. Am 29. und 30. Oktober 2021 nahmen zum zweiten Mal 246 Frauen aus allen Regionen der Schweiz während zwei Tagen im Nationalratssaal Platz und diskutierten über die dringlichsten Anliegen, wie Gleichstellung, Absicherung im Alter, etc.. Die Frauensession kommt einer echten Parlamentssitzung so nahe wie nur möglich: die Anwesenden stimmten über Anträge aus den vorberatenden Kommissionen ab und überreichten anschliessend konkrete Forderungen an den Bundesrat und an das Parlament.



Die Vertreterinnen von Travail.Suisse v.l.n.r.: Linda Rosenkranz, Léonore Porchet und Davina Fintas.
Einsatzbereiche
Vereinbarkeit Beruf und Familie, Politik