Immer schneller, immer mehr
Dauerstress auf der Arbeit ist ein immenses Gesundheitsrisiko. Unsere Auslegeordnung zeigt: Unsere Mitglieder haben diverse Gründe, gestresst zu sein. Allem voran steht der enorme Kosten- und Spardruck im ganzen Service Public.
Sarah Hadorn
Krankheiten durch Stress nehmen stark zu
Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Schweiz sind sich einig: Stress ist für sie das Gesundheitsrisiko Nummer eins. Zu diesem Schluss kommt das «Barometer Gute Arbeit» von Travail.Suisse. Der Arbeitnehmenden-Dachverband, zu dem auch transfair gehört, befragt jährlich rund 1500 Personen zur Qualität ihrer Arbeitsbedingungen. In der aktuellen Ausgabe sagen satte 59 Prozent: Stress und Termindruck sind die grössten arbeitsbedingten Gefahren für ihre Gesundheit.
Internationale Zahlen bestätigen dieses Gefühl: Krankheiten durch Stress nehmen stark zu. «Das liegt nicht zuletzt an den Veränderungen in unserer Arbeitswelt», ist Thomas Bauer, Leiter Wirtschaftspolitik bei Travail.Suisse, überzeugt. Er verweist zum Beispiel auf eine Studie der Krankenkasse CSS von 2024. Diese zeigt: Rund ein Viertel der Schweizer Arbeitnehmenden hatte in den letzten Jahren ein Burn-out. Bauer: «Diese Zahl ist in nur wenigen Jahren deutlich gestiegen.» Andere berufsbedingte Krankheiten, etwa Gelenkarthrose, oder auch Unfälle gehen hingegen zurück.
Emotionale Erschöpfung, Termindruck, Überstunden
Dauerstress auf der Arbeit kann definitiv krank machen – auch im Service Public. Einige Angaben im «Barometer Gute Arbeit» weisen dort sogar stärker auf Stress hin als im Schweizer Durchschnitt: 2025 gaben Angestellte in der öffentlichen Verwaltung etwas häufiger als die meisten anderen Branchen an, regelmässig Überstunden zu leisten. Die öffentliche Verwaltung ist im Barometer zwar breiter gefasst als bei transfair, trotzdem geben die Aussagen eine Ahnung vom Stresslevel in der Bundesverwaltung und im ETH-Bereich. Im Wirtschaftszweig Verkehr und Lagerei, zu dem auch der öffentliche Verkehr und die meisten Post/Logistik-Berufe zählen, war die emotionale Erschöpfung nach einem Arbeitstag auffällig hoch. Und im Bereich Information und Kommunikation, worunter auch ICT fällt, empfanden die Mitarbeitenden den Termindruck als höher als in den meisten anderen Wirtschaftszweigen.
ICT: Eine Reorganisation jagt die nächste
Für Marika Schaeren, Leiterin der Branche ICT, ist der Stress im ICT-Bereich nachvollziehbar: «Die Mitarbeitenden müssen in immer weniger Zeit immer mehr Arbeit bewältigen», sagt sie. Grund dafür sei der enorme Kosten- und Spardruck in der Branche, der immer wieder zu Stellenabbau führe. Dieser soll zwar mit digitalen Mitteln, allen voran künstlicher Intelligenz (KI), kompensiert werden. Tatsache ist aber: «Oft entlassen die Arbeitgeber Leute, ohne dass sie bereits konkrete Ersatzlösungen haben», so Schaeren. «Das führt zu Überlastung der verbleibenden Mitarbeitenden.» Hinzu komme die ständige Angst vor einem Arbeitsplatzverlust.
Ein weiterer Stressfaktor, der mit all dem zu tun hat, sind laut Schaeren die andauernden Umstrukturierungen in der Branche. «Was heute gilt, gilt morgen nicht mehr – das ist für das Personal unheimlich stressig», sagt sie.
Öffentliche Verwaltung: Entlastungspakete belasten das Personal
Ganz ähnlich wie bei ICT sieht die Situation in der Branche öffentliche Verwaltung aus: «Wegen Spardruck und Stellenabbau steigt die Arbeitsbelastung für die Mitarbeitenden», sagt Branchenleiter Matthias Humbel. Das Entlastungspaket 2027 des Bundes zwingt die Ämter zum Sparen – «und ziemlich sicher wird es noch ein Entlastungspaket 2029 geben», zeichnet Humbel ein düsteres Bild. Doch nicht nur Personalabbau führt zu Stress. «Werden Stellen tatsächlich neu besetzt, dauert das oft», sagt Humbel. Der Druck auf die Mitarbeitenden steigt so zumindest vorübergehend.
Neben dem verordneten Sparwahn sieht Humbel aber noch einen weiteren zentralen Stress-Treiber in seiner Branche: «Selbst Angestellte ohne Kader-Funktion sollen plötzlich 24/7 erreichbar sein und auch noch abends und am Wochenende arbeiten», sagt er. «Das ist neu.»
Öffentlicher Verkehr: Zu wenig Schlaf, zu wenig Freizeit
Zu wenig Zeit für Erholung ist im öffentlichen Verkehr schon lange ein typischer Stressfaktor. «Zum Teil bleiben den Leuten gerade mal neun Stunden Ruhezeit», sagt Werner Rüegg, stellvertretender Leiter der Branche öffentlicher Verkehr. Ruhezeit heisst: nach Hause fahren, zu Abend essen, Zeit mit der Familie verbringen, schlafen, wieder zur Arbeit fahren. Man rechne selbst: Bei neun Stunden bleibt da nicht viel Zeit für Schlaf. «Und auch das soziale Leben kommt zu kurz», gibt Rüegg zu bedenken.
Ein weiterer Grund für Stress im öV kommt aus einer anderen Ecke: Städte streichen im Nahverkehr vermehrt Bus- oder Tramspuren zugunsten des Individualverkehrs. «Dadurch stehen Trampilotinnen und Busfahrer öfter im Stau – der Stress, im Fahrplan zu bleiben, steigt», so Rüegg.
Natürlich ist der Spardruck auch im öV allgegenwärtig. Rüegg: «Durch die Sparübungen der Kantone und des Bundes drohen Sparprogramme bei den Unternehmen.» Das führe bei den Mitarbeitenden zu grosser Verunsicherung – ein klassischer Stressfaktor.
Post/Logistik: Digitale Fremdsteuerung und Echtzeit-Überwachung
In der Branche Post/Logistik gibt es laut Branchenleiterin Kerstin Büchel fast keinen Bereich, wo die Mitarbeitenden ohne Dauerstress arbeiten können. Als besonders heftig beurteilt sie die Situation bei PostNetz, der Betreiberin der Post-Filialen. «Dieser Bereich schreibt grosse Verluste – das ist für alle Mitarbeitenden sehr stressig.» Die mittleren Kader müssten den Druck von oben weitergeben, die Angestellten ohne Führungsfunktion hätten ständig Angst um ihren Job.
Im Verkauf kommt anstrengendes Multitasking hinzu: «Das Personal berät Kundinnen und Kunden und muss gleichzeitig auf Vorschläge für Zusatzverkäufe achten, die das Computersystem ihnen anzeigt», sagt Büchel. Was als Gedankenstütze gemeint sei, könne schnell zur Überforderung werden.
Bei Logistik-Services sieht Büchel vor allem die Digitalisierung als Stressfaktor: «Dadurch haben die Leute viel Eigenverantwortung verloren», bedauert sie die Entwicklung. Ein Grund: Die Pöstlerinnen und Pöstler dürfen nicht mehr selbst entscheiden, welche Routen sie für ihre Lieferungen nehmen – diese werden vom System vorgegeben. Zudem kann die Kundschaft in Echtzeit sehen, wo die Postbotinnen und Postboten gerade sind. «Das führt teils dazu, dass Kundinnen und Kunden zum angezeigten Standort laufen, um ihre Päckli abzuholen. Dadurch stören sie die Abläufe und verursachen noch mehr Stress.»
Das fordert transfair
Unsere Sozialpartner tun zwar schon einiges, um Stress bei ihrem Personal zu bekämpfen: von Sensibilisierungskampagnen und Führungsschulungen über Kurse zu Stressbewältigung und Resilienz bis zu Online-Gesundheitsberatung und Apps. transfair hat dennoch Forderungen:
- Die Arbeitgeber müssen die Überlastung ihres Personals vermeiden: durch klare Prioritäten und realistische Zielvorgaben.
- Die Arbeitsbedingungen in den Gesamtarbeitsverträgen (GAV), etwa die maximalen Arbeitszeiten, müssen konsequent eingehalten werden.
- transfair fordert das Recht auf Nichterreichbarkeit in der Freizeit. Bei Swisscom, der Post, der SBB und SBB Cargo steht dieses Recht bereits im GAV.
- Sparmassnahmen sollen mit Augenmass umgesetzt und die Belastung der Mitarbeitenden minimiert werden.
- Die Mitarbeitenden im Service Public müssen von der Politik respektiert werden und dürfen nicht zum Sparen missbraucht werden; ihre Arbeit soll wertgeschätzt werden.
- Reorganisationen sollen nur durchgeführt werden, wenn wirklich nötig. Kommen die Arbeitgeber nicht darum herum, müssen sie frühzeitig und transparent kommunizieren und die Mitarbeitenden einbeziehen.
- Die Angestellten müssen genügend Zeit erhalten, um neue Tools kennenzulernen und Feedback einzubringen.
- Die Arbeitgeber sollen offen und transparent über Strategien, Ziele und Veränderungen informieren.
- Es soll eine Kultur des Vertrauens geschaffen werden, in der Mitarbeitende Eigenverantwortung statt Kontrolle erleben.
Stress bei der Arbeit: 5 spannende Zahlen
- Über alle Wirtschaftszweige hinweg sagen über 40 Prozent der Schweizer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, bei der Arbeit häufig bis sehr häufig gestresst zu sein.
- Zirka 35 Prozent geben an, nach der Arbeit oft zu erschöpft zu sein, um sich um Privates oder die Familie zu kümmern.
- Die Hälfte aller Arbeitnehmenden leistet regelmässig Überstunden. Und für fast 25 Prozent sind Arbeitstage von zehn Stunden und mehr keine Ausnahme.
Diese Zahlen stammen alle aus dem «Barometer Gute Arbeit» 2025 von Travail.Suisse.
Hier noch zwei beeindruckende Vergleiche über die Landesgrenzen hinaus von 2021:
- Damals lag der Schnitt der Arbeitnehmenden, die ständig hohem Arbeitstempo und Termindruck ausgesetzt sind, in der Schweiz bei zirka 60 Prozent. Zum Vergleich: In Europa waren es nur rund 50 Prozent.
- 2021 arbeiteten in der Schweiz 36 Prozent der Arbeitnehmenden regelmässig in der Freizeit, um ihre Arbeitslast zu stemmen. In der EU waren es 29 Prozent.