«Eintönige Arbeit macht stressanfällig»
Was passiert bei Stress eigentlich im Körper? Und wie ungesund ist chronischer Stress auf der Arbeit? Stressforscher Laurenz Meier erklärt die Zusammenhänge. Zudem verrät er, welche Arbeitnehmenden besonders anfällig für Stress sind und welche Verantwortung Arbeitgeber hier haben.
Sarah Hadorn
Herr Meier, was passiert bei Stress im Körper?
Unsere Systeme stellen schnell Energie zur Verfügung: Das vegetative Nervensystem aktiviert den Kampf- oder Flucht-Modus und setzt Adrenalin frei. Das Hormonsystem pumpt Cortisol in den Blutkreislauf und sorgt dafür, dass die Stressreaktion stabil bleibt. Kurzfristig ist diese Aktivierung etwas Gutes – sie hilft uns, mit anspruchsvollen Situationen und Aufgaben umzugehen. Schwierig wird es, wenn der Körper nicht mehr in den Normalzustand zurückfindet: bei chronischem Stress.
Chronischer Stress ist ungesund. Was sind die Folgen?
Sehr klassisch sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Denn wenn die Stressachse dauerhaft überaktiviert ist, können Entzündungen entstehen und der Stoffwechsel gerät aus dem Gleichgewicht. Aber auch psychische Folgen sind möglich: Menschen unter chronischem Stress berichten häufiger von Depressionen.
Ab wann wird Dauerstress auf der Arbeit gefährlich – schon nach ein paar Monaten, oder braucht es dazu Jahre?
Eine verbreitete Annahme ist, dass sich Stress aufsummiert. Also: Dass stressige fünf Wochen gesundheitsschädlicher sind als stressige zwei Tage. Neuere Studien von meinen Kolleginnen und mir zeigen aber, dass das nicht so sein muss. Die Menschen scheinen im Durchschnitt ziemlich widerstandsfähig. Offenbar schaffen es viele, sich genügend Erholungsinseln zu schaffen. Dadurch verhindern sie, dass sich ihr System abnutzt.
Trotzdem gibt es Arbeitnehmende, die besonders anfällig sind für Stress.
Ja, zum Beispiel Menschen, die eine eintönige Arbeit haben. Hier kommt die «Effort-Reward-Balance» ins Spiel. Dieser stresstheoretische Ansatz geht davon aus, dass sich Arbeit und Belohnung – Geld, aber auch Wertschätzung oder Sinnhaftigkeit – ungefähr die Waage halten müssen. Ansonsten leiden Zufriedenheit und Gesundheit. Es gibt zum Beispiel eine schöne Studie mit Putzpersonal in einem Spital. Dieser Job geht mit repetitiven Aufgaben, körperlicher Anstrengung, unattraktiven Arbeitszeiten und einem tiefen Lohn einher. Die Geschäftsleitung ermutigte ihre Reinigungskräfte deshalb, sich auch mit den Patientinnen und Patienten zu unterhalten. Und siehe da: Die Zufriedenheit des Putzpersonals nahm zu. Die Mitarbeitenden fühlten sich plötzlich mitverantwortlich, dass Menschen gesund werden. Sie erlebten mehr Sinn – der Blick auf ihre Arbeit änderte sich total.
Die Arbeitgeber haben also eine grosse Verantwortung.
Auf jeden Fall. Arbeitgeber und Führungskräfte sollten Strukturen schaffen, die die Arbeit für ihre Mitarbeitenden möglichst sinnvoll und interessant machen. Eben zum Beispiel, indem sie bestimmten Berufsgruppen neue Aufgaben zuweisen. Das kann etwa auch sein, neues Personal einzuarbeiten. Damit reduzieren die Unternehmen ganz direkt Stress. Zum Thema Verantwortung muss man aber auch sagen: Es sind nicht nur die äusseren Strukturen, die Arbeitnehmende mehr oder weniger anfällig für Stress machen.
Wie meinen Sie das?
Auch die eigene Lebenszufriedenheit hat einen Einfluss, wie gestresst wir uns fühlen. Zudem zeigen Studien: Wie wir über Stress denken, steuert unser Stressempfinden ebenfalls. Verstehen Sie mich nicht falsch: Faktoren wie Zeitdruck oder die Erwartung vieler Vorgesetzter oder auch Kolleginnen und Kollegen, ständig erreichbar zu sein, sind reale Stressfaktoren. Trotzdem macht es einen Unterschied, ob wir Stress grundsätzlich für schädlich halten oder ihn als nicht so bedrohlich einordnen.
Gibt es eigentlich frühe Warnsignale für zu viel Stress, die viele ignorieren?
Ja, zum Beispiel plötzliche Leistungsschwankungen trotz Leistungsbereitschaft. Ein klares Warnsignal sind zudem Schlafstörungen. Habe ich plötzlich Einschlafschwierigkeiten oder wache in der Nacht regelmässig auf und kann nicht mehr einschlafen, sollte ich genauer hinschauen. Bin ich plötzlich reizbar und sehr dünnhäutig, ist die Stressbelastung oft schon relativ weit fortgeschritten. Es gibt auch Methoden, mit denen man sich selbst testen kann, ob man genug auf seine Erholung achtet. Dazu macht man sich am besten ein paar Regeln, zum Beispiel: Ich arbeite am Abend nicht oder gehe zwei Mal pro Woche Velo fahren. Schaffe ich das regelmässig nicht, kann das ein Warnsignal sein.
Apropos Erholung: Gibt es da ein Richtig oder Falsch?
Oft neigen wir dazu, gerade dann keine Pausen zu machen, wenn wir dringend welche bräuchten. Das nennt sich «Recovery Paradox». Wir sollten uns deshalb hin und wieder zu einer Pause zwingen, sofern es der Job und die Arbeitsbedingungen zulassen. Ansonsten gilt: Was guttut, erholt gut – sei das eine Runde spazieren gehen, sich mit Freunden treffen, Sport machen oder etwas Neues lernen. Wichtig ist: Erholung sollte mit einem positiven Erlebnis verbunden sein. Das kann sogar ein Netflix-Abend oder ein bisschen Scrollen auf Instagram sein – solange man es geniesst.
„„Arbeitgeber sollten Strukturen schaffen, die die Arbeit für ihre Mitarbeitenden möglichst sinnvoll und interessant machen.“
Zur Person
Laurenz Meier (49) ist Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Zürich. In seiner Forschung beschäftigt er sich schwerpunktmässig mit den Themen Arbeitsstress und Gesundheit am Arbeitsplatz, aber auch mit antisozialem Verhalten bei der Arbeit und Konflikten zwischen Beruf und Familienleben.