Am Puls der Zeit in der Gewerkschaftsarbeit
Manuel Murer blickt auf ein bewegtes Jahr zurück: neue Gesamtarbeitsverträge, politisches Engagement gegen Offshoring, der Besuch von Bundesrat Rösti. Und der Geschäftsleiter von transfair erklärt, warum faire Arbeitsbedingungen auch 2026 keine Selbstverständlichkeit sind.
Lea Lüthy
2025 stellte sich Bundesrat Rösti an unserer Delegiertenversammlung kritischen Fragen. Was hat dieser Besuch für transfair bedeutet?
Ein Bundesrat, der an eine Versammlung eines Personalverbands kommt und sich den drängenden Fragen direkt stellt – das ist nicht selbstverständlich. Für mich war das ein klares Zeichen: transfair wird ernst genommen. Nicht nur am Verhandlungstisch, sondern auch in der Politik.
Welche Themen hat transfair angesprochen?
Unsere Branchenleitenden haben Herrn Rösti zur Zukunft von PostNetz, zum Offshoring bei Swisscom oder zum Sparpaket des Bundes befragt. Nicht alle Antworten waren zufriedenstellend, aber er hat zugehört. Für unsere Mitglieder war das ein wichtiges Signal: transfair steht nicht nur auf dem Papier für sie ein.
Das Sparpaket des Bundes trifft den Service Public hart.
Ja, mittlerweile ist es definitiv geschnürt. Das Parlament hat zwar noch etwas abgeschwächt. Die Kürzungen beim regionalen Personenverkehr (RPV) fallen zum Beispiel milder aus, als vom Bundesrat ursprünglich vorgesehen. Trotzdem trifft ist Sparpaket ein harter Schlag für unsere Branchen. Und das nächste Sparpaket ist bereits auf dem Weg. Auch hier wird transfair entschieden Widerstand leisten.
Richten wir den Blick wieder aufs letzte Jahr: Was waren 2025 die grössten Erfolge?
Klar an erster Stelle stehen die neuen Gesamtarbeitsverträge, kurz GAV. Mit cablex und localsearch haben wir trotz hartem Marktumfeld klare Verbesserungen herausgeholt: mehr Urlaub, bessere Zuschläge, höhere Mindestlöhne. Und nach jahrelangen Verhandlungen konnten wir endlich auch die Arbeitsbedingungen der IT-Tochtergesellschaften von Swisscom schriftlich verankern. Das hat lange gedauert. Aber jetzt gilt es.
Was hat transfair 2025 noch geschafft?
194 Tage oder ganze 1551 Stunden – so viel haben wir 2025 investiert, um Mitgliedern in schwierigen Situationen zu helfen. Wenn jemand Probleme am Arbeitsplatz hat, ist transfair da. Das ist das Herzstück unserer Arbeit. Erfreulich war 2025 aber auch, dass wir in den Medien deutlich stärker wahrgenommen wurden. Die Medientreffer haben gegenüber dem Vorjahr um rund 15 Prozent zugenommen – nach einer bereits starken Steigerung 2024. Das ist kein Zufall: Wir haben aktiv Themen gesetzt und Debatten mitgeprägt.
transfair hat sich letztes Jahr auch politisch stark engagiert – zum Beispiel gegen Offshoring.
Ja, unsere Präsidentin, Nationalrätin Greta Gysin, hat in der Herbstsession zwei Interpellationen eingereicht – eine zu Swisscom, eine zur Post. Für bundesnahe Unternehmen ist es inakzeptabel, viele Arbeitsplätze ins Ausland auszulagern. Sie tragen Verantwortung gegenüber den Arbeitnehmenden, aber auch dem Schweizer Arbeitsmarkt. Swisscom baut jedoch systematisch Stellen in den Niederlanden und in Lettland auf – und in der Schweiz ab. Die Post plant, bis 2030 rund 200 IT-Stellen nach Lissabon zu verlagern.
„„Fairness entsteht nicht von selbst. Sie braucht Menschen, die hinschauen und für sie einstehen.“
Der Bundesrat hat der Post den Rücken gestärkt. Was hat das politische Engagement gebracht?
Die Antwort des Bundesrats war ernüchternd, ja. Im Kern sieht er die Verlagerung der Arbeitsplätze als unproblematisch und gut begründet an. Aber das Thema ist in der Öffentlichkeit angekommen – auch dank transfair. Der Druck auf die Post ist gestiegen. Das war unser Ziel.
Apropos Druck: Im Juni 2025 ging transfair zusammen mit über 50 Organisationen auf die Strasse, um mehr Lohngleichheit zu fordern. Wie steht es um die Lohngleichheit in der Schweiz?
Schlechter, als viele denken. Laut Studien glauben über 60 Prozent der Generation Z, Gleichstellung sei in der Schweiz bereits erreicht. Das stimmt nicht. Frauen verdienen im Schnitt rund 16 000 Franken weniger pro Jahr als Männer. Rund 8000 Franken davon lassen sich nicht erklären – das ist reine Lohndiskriminierung aufgrund des Geschlechts. Fairness entsteht nicht von selbst. Sie braucht Menschen, die hinschauen und für sie einstehen.
Was braucht es konkret, damit Frauen und Männer endlich gleich viel verdienen?
Das Gesetz greift zu kurz, Kontrollen fehlen, Sanktionen gibt es kaum. Zusammen mit einer breiten Allianz fordert transfair deshalb eine wirksame Revision des Gleichstellungsgesetzes. Lohngleichheit muss im Portemonnaie ankommen.
transfair hat 2026 viel vor. Wo liegen die Prioritäten?
Fangen wir mit der Familienzeit-Initiative an: Je 18 Wochen Elternzeit für beide Elternteile wäre ein konkreter Schritt hin zu echter Vereinbarkeit – deshalb unterstützen wir die Initiative. Bei den Bilateralen III sagen wir Ja – aber nur mit starkem Lohnschutz und ohne weitere Liberalisierungsschritte im öffentlichen Verkehr. Und bei den GAV-Verhandlungen, allen voran mit Swisscom, wird der KI-getriebene Wandel das zentrale Thema sein. Ob die Transformation gelingt, hängt davon ab, ob Swisscom die soziale Verantwortung wahrnimmt. Das werden wir aufmerksam begleiten.
Der Wandel in der Arbeitswelt betrifft nicht nur Swisscom. Wie erreicht transfair die nächste Generation von Arbeitnehmenden?
Das ist eine unserer grössten Herausforderungen. Die Babyboomer gehen in Pension und viele Junge glauben, die wichtigen Fragen seien bereits gelöst. Doch faire Arbeitsbedingungen, gerechte Löhne, Vereinbarkeit – das sind keine Selbstverständlichkeiten. Sie wurden erarbeitet und müssen verteidigt werden. Ehrlich gesagt: Bisher haben wir junge Menschen zu wenig erreicht. Das ändern wir 2026. Wir schaffen gezielt Ressourcen, um dort präsent zu sein, wo Junge sind – insbesondere auf Social Media.
Die neue DNA-App von transfair und Angestellte Schweiz soll eine ganz andere Zielgruppe erreichen: KMU. Kannst du uns mehr verraten?
Homeoffice, Teilzeit, ortsunabhängiges Arbeiten – das alles ist längst Alltag. Aber ohne klare Spielregeln wird Flexibilität schnell zum Problem: Missverständnisse häufen sich, Teams verlieren den Zusammenhalt. Mit der DNA-App (siehe auch Kasten) vermeiden KMU diese Probleme. Die App ist ein weiterer Beitrag zu einer modernen, fairen Arbeitswelt, in der Mitarbeitende ihre Rechte kennen und Unternehmen gesunde Rahmenbedingungen gestalten.
DNA-App: Flexibel arbeiten – mit Struktur
Wie arbeiten Teams gut zusammen, wenn nicht mehr alle gleichzeitig am gleichen Ort sind? Diese Frage beschäftigt viele Unternehmen. Die DNA-App von Further at Work, der gemeinsamen GmbH von transfair und Angestellte Schweiz, gibt eine praktische Antwort. Das einfach bedienbare Werkzeug baut auf wissenschaftlichen Grundlagen auf und hilft Mitarbeitenden und Führungskräften, flexible Arbeitsformen erfolgreich zu gestalten.