«Ich wollte doch arbeiten!»

«Ich wollte doch arbeiten!»

Vor drei Jahren erlitt Martin Rüegg (62) einen epileptischen Anfall. Damit endete seine Laufbahn als Postautofahrer abrupt – Martin verlor seine grösste Leidenschaft. In seiner Not wandte er sich an transfair. 2025 erfüllte ihm Regionalsekretärin Nadine Trudel einen wichtigen Wunsch: dass er bei PostAuto bleiben konnte. Heute arbeitet Martin in einem kleinen Pensum als Betriebsassistent, daneben bezieht er eine volle IV-Rente.

Sarah Hadorn Sarah Hadorn
Martin Rüegg in PostAuto-Uniform vor einem Postauto

An einem Freitag im Oktober 2023 macht sich Martin Rüegg auf den Weg von der Arbeit nach Hause. Auf dem Parkplatz der PostAuto AG in Embrach (ZH) steigt er in seinen Wagen, fährt los in Richtung Kloten. 7,6 Kilometer tägliche Routine – bis zu jenem Tag. Mitten auf der Hauptstrasse verliert Martin das Bewusstsein, gerät mit dem Auto auf die Gegenfahrbahn und landet auf einem Acker. «Im Nachhinein bin ich froh, dass ich überhaupt noch lebe», sagt der heute 62-Jährige.

Trotzdem änderte der Unfall für ihn alles. Im Spital erfuhr er nämlich: Er hatte wahrscheinlich einen epileptischen Anfall. Mit dieser Nachricht endete seine Laufbahn als Postauto- Chauffeur von heute auf morgen. Denn in der Schweiz gelten Fahrzeuglenkerinnen und Fahrzeuglenker mit aktiver Epilepsie vorübergehend als fahruntauglich. Für berufsmässige Chauffeure und Chauffeurinnen sind die Vorschriften besonders streng: Nach einem Anfall können sie ihre Fahrerlaubnis erstmals nach fünf Jahren wieder beantragen.

Martin verlor an jenem Freitag im Oktober nicht nur seinen Beruf – er verlor seine grösste Leidenschaft. «Ich wollte schon als Junge Postauto-Fahrer werden», erzählt er. «Die Landschaft, der Kontakt mit den Fahrgästen – ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.» Martin war verzweifelt. Um in dieser Situation nicht alleine dazustehen, wandte er sich an transfair.

Über 40 Jahre bei der Post

Martins Fall landete bei Nadine Trudel, Regionalsekretärin der Region Ost. Sie hörte ihm zu, verstand seine Not. Bald telefonierte sie regelmässig mit dem Case Management der Post, das mittlerweile in Gang gekommen war, sprach mit Martins Vorgesetzten und dem HR von PostAuto. «Martin wollte unbedingt in irgendeiner Form bei PostAuto oder wenigstens bei der Post bleiben – nach über 40 Jahren im Konzern völlig verständlich», sagt sie. Dafür setzten sich nun alle Beteiligten mit vereinten Kräften ein. Es kam zu verschiedenen Arbeitsversuchen, 2024 etwa im Paketzentrum Mülligen. Diesen Job hätte sich Martin gut vorstellen können. Aber durch eine Umstrukturierung fiel die Option wieder weg.

Gleichzeitig prüfte Nadine zusammen mit einem Anwalt und der Verkehrsrechtsschutzversicherung, ob Martin seine Fahrerlaubnis früher als erst in fünf Jahren zurückerhalten könnte. Noch war nämlich nicht vollständig klar, ob Martin tatsächlich Epilepsie hat. Um endlich Klarheit zu bekommen, liess er sich im Epilepsiezentrum der Klinik Lengg in Zürich untersuchen. Doch bevor der Bericht der Klinik da war, meldete sich Martins Körper zum zweiten Mal: Im Frühling 2025 besuchte er gemeinsam mit einem Kollegen eine neue Garage für Elektro-Postautos in Affoltern – und brach plötzlich zusammen. Kurz darauf folgte die gesicherte Diagnose: Epilepsie.

„„Das Case Management der Post, Martins Vorgesetzte, das HR von PostAuto, transfair: Alle zogen wir am selben Strang und arbeiteten hervorragend zusammen.

Nadine Trudel, Regionalsekretärin bei transfair

Die Fahrerlaubnis rückte in weite Ferne

Damit platzte für Martin der Traum, jemals wieder Postauto fahren zu können, endgültig: Er hätte seine Fahrerlaubnis frühestens 2030 wieder beantragen können – ein Jahr nach Erreichen des Rentenalters. Und auch sonst liess sich bei der Post einfach kein Arbeitsplatz für ihn finden. Das Problem: Martins Fähigkeiten lagen vor allem beim Fahren – und genau das durfte er nicht mehr, nicht einmal Pkw. Zudem nicht auf Leitern steigen oder gefährliche Maschinen führen. Für Martin sehr frustrierend. «Ich wollte doch arbeiten!», sagt er.

Als seine engste Vertraute im ganzen Prozess blieb Nadine dran, unterstützte Martin bei externen Bewerbungen, meldete sich aber auch immer wieder bei PostAuto. Dann passierte etwas, womit niemand so richtig gerechnet hatte: Die IV, die seit jenem verhängnisvollen Freitag im Oktober 2023 ebenfalls mit im Boot war, sprach Martin eine volle Rente zu. Gleichzeitig gelang es Nadine, Martins Wunsch zumindest teilweise zu erfüllen: Sie erreichte, dass er zu zirka 20 Prozent bei PostAuto bleiben konnte. «Das ist nicht nur emotional wichtig», sagt sie. «So ist Martin weiterhin bei der Pensionskasse der Post versichert. Diese bietet sehr gute Rentenleistungen – ein Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber hätte ziemlich sicher schmerzhafte Abstriche gebracht.»

«Ohne transfair wäre ich heute nicht mehr bei PostAuto»

Heute ist Martin bei PostAuto als Betriebsassistent für verschiedenste Aufgaben zuständig. Aktuell begleitet er für die Qualitätssicherung Chauffeurinnen und Chauffeure beim Fahren. Zuvor führte er die Mitarbeitenden in die acht neuen Elektrobusse ein, die sein Depot in Winkel bei Bülach erhalten hatte. «Ich mache alles, was geht und man mir gibt», sagt Martin – und klingt zufrieden. «Natürlich hätte ich es mir anders gewünscht. Aber ich habe mein Schicksal akzeptiert und mache das Beste daraus.»

Für transfair und Nadine hat Martin nur lobende Worte. «Ohne sie wäre ich heute nicht mehr bei PostAuto», ist er fest überzeugt. Als langjähriges transfair-Mitglied, das sich an der Seite des Personalverbands aktiv für gute Arbeitsbedingungen bei PostAuto einsetzte, weiss er: «transfair ist eine sehr verständige Gewerkschaft – mit ihr können auch die Arbeitgeber reden. Die guten Kontakte, die dadurch entstehen, zahlen sich für die Mitglieder aus.»

„„transfair ist eine sehr verständige Gewerkschaft – mit ihr können auch die Arbeitgeber reden.

Martin Rüegg