Von Düsenjet-KI und menschlicher Superpower

Von Düsenjet-KI und menschlicher Superpower

Künstliche Intelligenz verändert unsere Arbeit – rasant und grundlegend. Das wirft brisante Fragen auf: Wie viel zählt menschliche Intelligenz noch? Wie schützen wir Arbeitsplätze, Gesundheit und persönliche Daten? Digitalisierungsexperte Matthias Stürmer und Neurowissenschaftlerin Maria Brasser gaben am 23. Oktober in Bern spannende Denkanstösse. Der Rahmen: Die erste gemeinsame Versammlung der transfair-Branchen ICT und öffentliche Verwaltung.

Sarah Hadorn Sarah Hadorn
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Digitalisierungsexperte Matthias Stürmer von der Berner Fachhochschule

In Kürze

  • Am 23. Oktober versammelten sich im Stellwerk Bern rund 60 Mitglieder der transfair-Branchen ICT und öffentliche Verwaltung.
  • Referent Matthias Stürmer von der Berner Fachhochschule (Bild oben) nahm die Anwesenden mit auf eine Zeitreise: von den ersten einfachen Chatbots zur generativen KI von heute, also ChatGPT und Co. Und er mahnte: Die Verantwortung für die Entscheide der KI gehört weiterhin in menschliche Hände.
  • Neurowissenschaftlerin Maria Brasser zeigte eindrucksvoll auf, wie wichtig und wundersam das menschliche Gehirn auch im KI-Zeitalter bleibt.

Das Stellwerk Bern liegt nur zwei Gehminuten von der Uni Bern entfernt. Das passt gut, denn an diesem Freitag im Oktober steht der Kultur- und Veranstaltungsort ganz im Zeichen der Intelligenz: menschlicher und künstlicher.

Vom Alan Turing zur Transformer-Architektur

«Schon in den 1950er-Jahren fragte sich der Kryptologe Alan Turing: Kann ein Computer vortäuschen, dass er ein Mensch ist?» Digitalisierungsexperte Matthias Stürmer eröffnet die erste gemeinsame Mitgliederversammlung der Branchen ICT und öffentliche Verwaltung von transfair mit einer Zeitreise: von den ersten einfachen Chatbots zur generativen KI von heute, also ChatGPT und Co. Der Leiter des Instituts Public Sector Transformation an der Berner Fachhochschule führt die rund 60 Anwesenden zu den wichtigsten technologischen Meilensteinen: maschinelles Lernen, neuronale Netze, Deep Learning. Am Ende landet er bei den aktuellen Sprachmodellen, die auf der sogenannten Transformer-Architektur beruhen und die Beziehungen zwischen Wörtern und ihren Kontext berücksichtigen. Stürmer: «Früher waren generative Sprachmodelle wie Propellerflugzeuge – heute sind sie Düsenjets.»

KI-Entscheide durch Menschen prüfen lassen

Düsenjets in den Händen weniger US-Tech-Konzerne. Doch die Schweiz habe einen grossen Vorteil: «Wir haben gute Hochschulen», so Stürmer. Der ETH, der EPFL und dem Schweizerischen Supercomputing Zentrum sei es zum Beispiel vor einem Jahr gelungen, eine KI zu entwickeln, die in der Superleague der grossen Sprachmodelle mitspielen könne: Apertus. Und auch Stürmers eigenes Institut arbeite an KI-Lösungen, die offen und damit unabhängig vom Anbieter betreibbar sind. Wichtig, wenn Unternehmen solche Modelle an ihre Bedürfnisse anpassen und einsetzen: «Organisationen brauchen klare Regeln», mahnt Stürmer. «Sie sollten sich fragen: Welche Tools erlauben wir? Was sind die Nutzungsgebiete? Welche Daten dürfen in die KI eingegeben werden?» Zudem ist der Hochschulprofessor überzeugt: Die Verantwortung für die Entscheide der KI gehört weiterhin in menschliche Hände. In Stürmers O-Ton: «Der Mensch muss immer auch im Zentrum sein.»

Fast jeder dritte Job in der Schweiz ist unter Druck

Damit ist Stürmer bei den Auswirkungen von KI auf die Gesellschaft und die Arbeitswelt angelangt. Er zitiert eine Studie des Verbands Angestellte Schweiz. Laut dieser ist hierzulande fast jeder dritte Job wegen KI unter (Veränderungs-)Druck. Besonders betroffen sind Büroarbeitsplätze in den Bereichen Verwaltung, Finanzen, Recht und Informatik. Stürmer plädiert für Aus- und Weiterbildung, den Mut, Neues auszuprobieren und für sinnvolle politische Regulierung. Er endet mit einem Zitat, das man im Zusammenhang mit KI und Jobs immer häufiger liest: «KI wird dich wahrscheinlich nicht ersetzen, aber möglicherweise übernimmt jemand mit KI-Tools und KI-Knowhow deinen Job.»

Neurowissenschaftlerin Maria Brasser
Neurowissenschaftlerin Maria Brasser

Wir Menschen habe einen Körper – KI nicht

Wie zentral und wundersam die menschliche Intelligenz auch im KI-Zeitalter bleibt, demonstriert sogleich Maria Brasser. Die Neurowissenschaftlerin löst Matthias Stürmer auf der Bühne ab und fordert die Anwesenden gleich einmal auf, aufzustehen und ihr ein paar Fragen zu beantworten. «Durch die Kombination von nachdenken und bewegen bringen wir unser Gehirn am besten in Schwung», erklärt die Mitgründerin des Uni-Bern-Spin-Offs Hirncoach. Damit ist sie bereits beim ersten Vorteil, den wir Menschen gegenüber KI haben: einen Körper. Dieser könne auch stresslindernd wirken. Brasser: «Indem wir in Bewegung kommen und tief ein- und ausatmen, können wir unsere Amygdala beruhigen.» Dieser Teil unseres Gehirns ist das Alarmsystem für Gefahr.

Lernen durch Konflikte

Brasser zeigt auf dem Beamer ihre nächste Folie: Ein Bild mit Formen erscheint, in denen man Zahlen, aber auch Buchstaben erkennen kann. Wer sieht was zuerst? «Wir alle nehmen die Realität anders wahr», sagt Brasser. «Wir haben neurodiverse Gehirne, sind zudem alters-, geschlechts- und interessensdivers.» Dadurch entstehen auch manchmal Konflikte – und das sei gut so. «Wir Menschen fordern uns gegenseitig heraus. Auf diese Weise entstehen wertvolle neue Hirnstrukturen.» Ein Effekt, den die stets freundliche und bestätigende KI nicht leisten könne.

Limbische Resonanz: «Eine menschliche Superpower!»

Wofür wird KI eigentlich am meisten gebraucht? Die Antwort ist laut Brasser so erstaunlich wie naheliegend: Lifecoaching. Trotzdem habe eine Studie ergeben, dass sich der Grossteil der Befragten nach einem KI-Coaching nicht besser fühlt. Warum ist das so? «Weil unser Gehirn massiv anders aktiviert ist, wenn wir anderen Menschen real oder auch digital begegnen», erklärt Brasser. Nur dann entstehe die sogenannte limbische Resonanz: Wir denken synchron, spüren gegenseitig instinktiv unsere Emotionen, können uns tief miteinander verbinden. Brasser: «Das ist eine menschliche Superpower!»

Selber denken

«Unser Gehirn ist in erster Linie ein Fühl- und kein Denkorgan», hält Brasser fest. «Alle Informationen, die wir aufnehmen, gehen erst durch unser limbisches System. Dieses prüft, ob Gefahr droht, eine Information wichtig oder zumindest interessant ist.» Ist all das nicht der Fall, sei das Gehirn schnell dabei, Energie zu sparen und Denkprozesse auszulagern. Genau darin sieht die Hirnforscherin auch eine Gefahr: Unser Gehirn spart gerne Energie – KI macht es ihm leicht. «Deshalb braucht es regelmässig den bewussten Entscheid von uns Menschen: Ich denke selber.»

KI in der Arbeitswelt: Das fordert transfair

  • Arbeitsplätze und gute Arbeitsbedingungen sichern
  • Gesundheit schützen – physisch und psychisch
  • Mitbestimmung stärken
  • Weiterbildung fördern und Kompetenzen ausbauen
  • Datenschutz gewährleisten
  • Transparente KI-Entscheidungen sicherstellen
  • Ethik und menschliche Verantwortung wahren
  • Personalverbände und Gewerkschaften früh einbeziehen