«Erfahrungen mit Aggressionen können depressiv machen»
Dirk Baier schaut aus Forschungssicht auf die Gewalt im Service Public. Der Kriminologe erklärt, warum gerade Mitarbeitende in öffentlichen Funktionen so oft betroffen sind und was die Gewalterfahrungen mit ihnen machen. Und er beantwortet die Frage: Werden wir als Gesellschaft zunehmend aggressiver?
Sarah Hadorn
Herr Baier, der Tenor bei den Angestellten und Arbeitgebern im Service Public: Die Aggressionen und die Gewalt gegen die Mitarbeitenden spitzen sich zu. Was sagen Sie aus Forschungssicht?
Die Wahrnehmung, dass die Situation immer schlimmer wird, ist verbreitet und hat sicher ihre Berechtigung. Aus Gesprächen mit Kundenbegleiterinnen und Kundenbegleitern im öV weiss ich zum Beispiel: Praktisch alle kennen ein bis zwei Fälle, entweder aus eigener Erfahrung oder von Kolleginnen und Kollegen. Aus Forschungssicht muss ich aber sagen: Wir wissen nicht, wie sich die Situation über die Zeit entwickelt hat. In der Schweiz gibt es keine umfassenden systematischen Studien zu Gewalt gegen das Personal im Service Public.
Eine Studie aus Deutschland zeigt: Jede vierte Arbeitskraft im öffentlichen Dienst erlebt Gewalt. Lässt sich das auf die Schweiz übertragen?
Ja, deutsche Zahlen lassen sich in der Regel übertragen, vielleicht würde ich sie für die Schweiz noch etwas abschwächen. Allerdings ist der öffentliche Dienst in Deutschland nicht eins zu eins vergleichbar mit dem Schweizer Service Public. Zu diesem zählen ja zum Beispiel auch der öffentliche Verkehr und die Post. In Deutschland sind vor allem der staatliche und der kommunale Bereich gemeint – etwa Behörden, Schulen und soziale Einrichtungen.
Warum werden Mitarbeitende in öffentlichen Funktionen so oft Zielscheibe von Aggressionen und Gewalt?
Jobs mit häufigem Publikumskontakt haben ein erhöhtes Risiko. Wer täglich viele Menschen trifft, trifft auch alkoholisierte, psychisch auffällige und impulsive Personen mit höherem Gewaltpotenzial. Was im Service Public oft noch dazukommt: ein Machtungleichgewicht. Billetkontrolleurinnen und -kontrolleure etwa können – oder müssen – ihr Gegenüber kontrollieren. Deshalb erleben auch Polizistinnen und Polizisten sehr häufig Gewalt. Hier haben wir auch in der Schweiz einige Studien.
Was sagen die Polizei-Statistiken?
Eine Untersuchung der Universität St. Gallen für die St. Galler Polizei hat zum Beispiel ergeben: Über 83 Prozent der Beamtinnen und Beamten wurden in den letzten drei Jahren beschimpft, über 45 Prozent bedroht, 55 Prozent tätlich angegriffen und knapp 19 Prozent haben eine Körperverletzung erlitten.
Was machen solche Erfahrungen mit den Betroffenen?
Sie können zu depressiven Phasen, Burn-outs und Kündigungsabsichten führen. Aus der Forschung wissen wir: Die Gefahr von negativen Folgen ist besonders gross, wenn Gewalterfahrungen gehäuft auftreten. Wenn ich fünf Mal hintereinander angegriffen werde, stecke ich das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr so einfach weg. Dabei spielt es keine grosse Rolle, ob ich körperliche oder verbale Gewalt – Beschimpfungen, Drohungen, Beleidigungen – erlebe.
Wird unsere Gesellschaft insgesamt aggressiver?
Das kommt darauf an, mit welcher Zeit wir Vergleiche ziehen. Laut Kriminalitätsstatistik ist Gewalt zumindest im mittelfristigen Vergleich zurückgegangen. Die Tötungsdelikte in der Schweiz haben in den letzten 35 Jahren um zwei Drittel abgenommen. Die Körperverletzungen sind immerhin seit 15 Jahren insgesamt rückläufig. In letzter Zeit haben zwar Beleidigungen und sexuelle Belästigungen zugenommen. Hier muss ich aber relativieren: Die Menschen stufen herabsetzendes und sexualisiertes Verhalten tendenziell schneller als übergriffig ein als früher – und zeigen die Vorfälle auch häufiger an.
Was können wir als Gesellschaft tun, um Gewalt noch besser zu bekämpfen?
Soziale Ungleichheit reduzieren. Diese ist naturgemäss ein Risikofaktor für Gewalt. Aber auch Zivilcourage ist ausbaufähig: eingreifen, wenn jemand angefeindet wird, die Polizei rufen, wenn einschreiten zu gefährlich ist. Zudem sollten wir meiner Meinung nach viel entschlossener gegen Alkohol vorgehen. Dieser spielt bei einem Grossteil der Gewaltvorfälle eine Rolle.
„„Das Personal im Service Public muss sich vergegenwärtigen, dass immer und überall etwas passieren kann. Dieses Bewusstsein sollte trainiert werden.“
Schauen wir zuletzt noch auf die Arbeitgeber im Service Public – für uns als Personalverband eine zentrale Perspektive. Wie können die Unternehmen ihre Mitarbeitenden noch wirksamer vor Gewalt und Aggressionen schützen?
Die Arbeitgeber haben in der Tat einige wichtige Hebel, zum Beispiel systematisches Sammeln von Daten. Die Unternehmen sollten wissen, welche Mitarbeitenden in welchen Regionen zu welchen Uhrzeiten Gefahren ausgesetzt sind. Hierzu können regionalisierte Daten der Polizei helfen, aber auch die Einschätzung der Angestellten. Ein zweiter Hebel ist Ausbildung und Prävention. Das Personal im öffentlichen Dienst muss sich beispielsweise vergegenwärtigen, dass immer und überall etwas passieren kann. Dieses Bewusstsein sollte trainiert werden, es macht die Mitarbeitenden handlungsfähiger.
Was halten Sie von Massnahmen wie der Zweierbegleitung auf kritischen SBB-Zügen?
Diese finde ich sehr sinnvoll. Und idealerweise ist eine der beiden Kundenbegleitenden eine Frau. Denn die Polizeiforschung zeigt: Reine Männerteams haben eine höhere Gewaltrate. Dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Einer davon ist die Beisshemmungshypothese: Die Hemmschwelle, eine Frau anzugreifen, ist höher als bei einem Mann.
Zur Person
Dirk Baier (50) ist Professor am Institut für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und ausserordentlicher Professor für Kriminologie an der Universität Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte sind Gewalt, Kriminalprävention und Jugendkriminalität. Zudem untersucht er Phänomene wie Extremismus oder Cyberkriminalität.