Kongress der Branche Post/Logistik transfair: «Digitalisierung und Privatisierung»

Kongress der Branche Post/Logistik transfair: «Digitalisierung und Privatisierung» Tanja Brülisauer, Ronny Kaufmann, Sandra Humbel, Graziano Pestoni | Foto / photo © Gaby Moehl/transfair
11.04.2019

Am Donnerstag, den 21. März 2019 fand über den Dächern St. Gallens, im Weiterbildungszentrum Holzweid der HSG, der alljährliche Kongress der Branche Post/Logistik statt. Eine grosse Anzahl von Teilnehmenden aus sämtlichen Bereichen der Post und seiner Konzerngesellschaften diskutierten über Digitalisierung, Privatisierung, Gleichbehandlung, Personalvertretungsbelange und das scheinbare «Loch im Portemonnaie».

Auf die Einladung von Branchenpräsident Werner Rüegg und Branchenleiter René Fürst besammelten sich die Firmen-, Bereichs- und Branchenvorstände, die Sozialpartnerschaftsbetreuenden der Regionen, Referenten, Medienvertreter sowie aktive und pensionierte Mitglieder ab 9:00 Uhr im Weiterbildungszentrum der Hochschule Sankt Gallen. Nach einer informellen Ankommensphase mit Kaffee und Gipfeli gab René Fürst einen Überblick über die Verhandlungserfolge der Branche des Jahres 2018.

Zu den Themen Digitalisierung und Privatisierung merkte Fürst am Beispiel von Dänemark an, dass trotz der zahlreichen neuen Arbeitsplätze, welche dadurch geschaffen werden, viel mehr Arbeitsplätze wegfallen. Zusätzlich brach durch Verteuerung des Briefversandes die Nachfrage ein und es mussten infolge dessen noch mehr Mitarbeitende entlassen werden. Diesen Entwicklungen muss man entgegenwirken. Allerdings machte Fürst auch darauf aufmerksam, dass «die Digitalisierung kommen wird, ob wir wollen oder nicht.»

Mit der Präsentation der Lohnverhandlungsresultate der verschiedenen Postkonzernunternehmen zeigte er, dass sich transfair für alle einsetzt: Es profitieren Mitarbeitende unten im Band, oben im Band und über Band von den ausgehandelten Paketen. Durch das Engagement von transfair werden Löhne (und damit Beiträge an AHV, IV, EO, PK und ALV), Pensionskassen-Kompensationen und -Verzinsung nachhaltig beeinflusst. Von den beiden letztgenannten profitieren auch die Rentnerinnen und Rentner spürbar. Die Erhöhung von Beiträgen nützt somit den Zahlenden selbst. Keinen Einfluss haben Personalverbände auf Fragen der Unfallversicherung, Krankenkassenprämien, Steuern sowie des privaten Konsums. René Fürst schloss mit den Worten: «Wenn du wirklich zufrieden sein willst, kann das niemand verhindern.» Die Verhandlungsdelegationen erhielten von den Anwesenden lauten Beifall.

transfair Geschäftsführerin Tanja Brülisauer gab einen Einblick in die aktuellen Geschäfte des Personalverbands, bekräftigte die Umsetzung der gewerkschaftspolitischen Strategie in den Verhandlungen und machte auf das kommende Jubiläum «20 Jahre transfair» aufmerksam. Als neueste Dienstleistungen für transfair Mitglieder präsentierte sie die Hotelcard, die individuelle Vorsorgeplanung der VVK sowie viele Vergünstigungen bei rewardo.

Als neues transfair Mitglied im Verwaltungsrat der Post Schweiz AG wurde Ronny Kaufmann von den Anwesenden begrüsst. Nach einer charismatischen Selbstvorstellung erklärte er, dass ein funktionierender Service public wichtig ist, aber nicht auf dem Rücken der Kolleginnen und Kollegen ausgetragen werden darf. Der Politologe ist derzeit als CEO der Swisspower AG tätig. Da er jahrelange Berufserfahrung bei der Schweizerischen Post mitbringt, weiss er seit Tag 1, was die Mitarbeitenden bewegt und wofür sie sich – gemeinsam mit transfair – einsetzen.

Der spannende Vortrag des Tessiner Gewerkschafters und Autors Graziano Pestoni zeigte im Anschluss auf, wer die Privatisierung der Betriebe vorantreibt und welche Konsequenzen dies für die Mitarbeitenden und die Bevölkerung hat. Er stellte eindeutig klar: «Privatisierungen sind nicht der Fehler des Service public!» Vielmehr haben einige politische Akteure erkannt, dass man aus dem öffentlichen Sektor Profit schlagen kann, indem man die rentablen Teile privatisiert und die nichtrentablen weiterhin der Obhut des Bundes überlässt.  Sie setzen dies ohne Rücksicht auf Arbeitsplätze um.

Referentin Sandra Humbel, Psychologin und Expertin für Organisationsentwicklung, eröffnete ihren Beitrag zu einem positiven Umgang mit Herausforderungen mit dem Heraklit-Zitat «Die einzige Konstante im Universum ist Veränderung.» Bei jeder Veränderung geht etwas verloren, kommt aber auch etwas Neues dazu. Jede Krise bietet die Chance auf eine positive Entwicklung. Um die seelische Gesundheit zu stärken, sollte man sich jeden Tag in Erinnerung rufen, was an diesem Tag besonders gewesen ist.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen berieten die Kongressteilnehmenden in Firmen- und Bereichs-Versammlungen und stellten die spezifischen Themen in Folge dem Plenum vor. René-Pierre Thorimbert (PostMail) berichtete, dass sechzig Prozent der Mitarbeitenden in Teilzeit beschäftigt sind. Dies demonstriert die Wichtigkeit der später im Plenum einstimmig angenommenen und damit offiziell lancierten Petition von transfair: «Teilzeit-Mitarbeitende Vollzeit ernst nehmen!», mit der unter anderem eine bessere Planbarkeit der Arbeitseinsätze und das Einhalten vertraglich vereinbarter Arbeitszeiten gefordert werden. Greta Gysin (PostNetz) wies darauf hin, wie sinnvoll es für Beschäftigte ist, transfair Mitglied zu sein, da sich die professionelle Unterstützung bei firmeninternen Veränderungen als extrem hilfreich erweist. Sie bedankte sich ausserdem herzlich bei Mägi Riedener, die transfair viele Jahre im PostNetz-Vorstand unterstützt hat und nächsten Monat in Pension geht. Fritz Bütikofer (PostLogistics, PLAG, und stellvertretend für Nadja Läderach für PostFinance) erwähnte, wie erstrebenswert eine Vereinheitlichung in der Führungspolitik und der Schulungsqualität aller Standorte wäre. Er dankte den transfair Mitgliedern  für ihre Mitwirkung: «Ohne euch ginge es nicht. Man muss wissen, was an der Basis läuft.» Martin Rüegg (PostAuto, in Vertretung von Urs Jungen) sprach über das positive Verhandlungsklima unter den Sozialpartnern und dass man sich von der neuen Führung verstanden fühle, und Susanna Meierhans (SPS, Presto, SeP, IMS, DMC, Epsilon) bekräftigte, dass die Arbeitgebenden dafür verantwortlich sind, dass ihre Mitarbeitenden arbeitsfähig und auf dem Arbeitsmarkt attraktiv bleiben. Deshalb müsse ein Rechtsanspruch auf Weiterbildung durchgesetzt werden.

Nach der Verabschiedung der Verhandlungsresultate sowie der Petition «Teilzeit-Mitarbeitende Vollzeit ernst nehmen!» wurde die vom Branchenvorstand ausgearbeitete Resolution «Neue Konzernleitung» präsentiert und von den Anwesenden einstimmig angenommen. Nachdem Eugen Widmer, Vertreter der Gastsektion Säntis, einige Worte ans Plenum gerichtet hatte, verliessen die transfair Mitglieder, Unterstützer, Vertreter und Mitarbeiter gestärkt, guter Laune und voller neuer Ideen den Tagungsort. In sämtlichen Regionen der Schweiz geht nun der Einsatz für die Rechte der Arbeitnehmenden weiter: eigenständig.mutig.persönlich.
Einsatzbereiche
Die Schweizerische Post, DPD, Epsilon AG, IMS AG, Pensionskasse Post, PostAuto AG, PostAuto Unternehmer, Postnetz, PostMail, PostLogistics, PostFinance AG, PostLogistics AG, Presto AG, SecurePost AG, SPS AG, Verband KEP&Mail