ILO: Anerkennung der sozialen Gerechtigkeit

ILO: Anerkennung der sozialen Gerechtigkeit Jean-Jacques Elmiger, Valérie Berset Bircher und Bundesrat Guy Parmelin an der ILO-Jubiläumskonferenz.
25.10.2019

2019 ist das Jahr der Jubiläumsfeiern. Die ILO feiert ihr 100-jähriges Bestehen; transfair sein offiziell 20-jähriges und inoffiziell 100-jähriges. Obwohl die Wirkungsebene - bei transfair die ganze Schweiz, bei der ILO die ganze Welt - unterschiedlich ist, verfolgen beide Organisationen ein gemeinsames grosses Ziel: soziale Gerechtigkeit.

ILO steht für International Labour Organization; auf Deutsch Internationale Arbeitsorganisation (IAO). Sie ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen und für die Förderung der sozialen Gerechtigkeit sowie der Menschen- und Arbeitsrechte zuständig. Die Schweiz ist Gründungsmitglied der ILO, die ihren Sitz in Genf hat. Die ILO vertritt 187 Mitgliedstaaten. Der Austausch findet zwischen den Regierungen, Arbeitgebern und Arbeitnehmenden statt. Die Meilensteine der letzten 100 Jahre sind beispielsweise Standards für den Mutterschutz, den Schutz für temporäre Angestellte oder Altersgrenzen für bestimmte Arbeiten.

In der Schweiz üben die Gewerkschaften erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts Einfluss auf den Staat und die Gesellschaft aus. Die gewerkschaftlichen Fortschritte sind das Ergebnis eines intensiven Kampfs während des letzten Jahrhunderts. Erfolge sind beispielsweise:
  • Die Einführung von drei Wochen Ferien 1964, ab 1984 vier Wochen.
  • Die Einführung der AHV 1948.
  • Die Einführung des Krankentaggelds 2004.
  • Die Einführung von höheren Familienzulagen 2006.
transfair hat sich mit Valérie Berset Bircher, Leiterin internationale Arbeitsfragen und Mitglied der Direktion für Arbeit beim SECO, zum Austausch getroffen und einige Fragen zur ILO und ihrem Engagement gestellt:

Valérie, was bedeutet für dich das 100-Jahre-Jubiläum der ILO?
Das 100-Jahre-Jubiläum der ILO ist eine einzigartige Gelegenheit, die Bedeutung der ILO für die Schweiz und für die Welt zu zeigen. 2019 herrschen Umbrüche in der Arbeitswelt und unseren Gesellschaften aufgrund von Globalisierung und Digitalisierung vor. Im Bereich der sozialen Gerechtigkeit muss eine Antwort auf die Verunsicherungen und die Unzufriedenheit gefunden werden; dafür muss die ILO sorgen.

Rückblickend betrachtet, was sind die bedeutendsten Fortschritte, die die ILO in den letzten 100 Jahren erreicht hat?
Die ILO hat erst die Industrialisierung begleitet, dann die Globalisierung. Sie hat universelle Sozialvorschriften entwickelt, die auch die Schweiz beeinflussen. Mit ihren Normen und ihrem Kontrollsystem hat die ILO zu mehreren Fortschritten beigetragen. Für die Schweiz ist hier zum Beispiel der Mutterschaftsschutz erwähnenswert. Zahlreiche ILO-Normen in den Bereichen soziale Sicherheit und Arbeitsmarktpolitik garantieren ein Schutzniveau, das nicht unterschritten werden kann.  In der internationalen Politik sind Erfolgsgeschichten der ILO beispielsweise die Entwicklung der freien Gewerkschaften in Polen in den 1980er-Jahren oder die Bekämpfung der Zwangsarbeit in Myanmar seit 2000. Ohne soziale Gerechtigkeit gibt es keinen dauerhaften Frieden. Die ILO hat dies wiederholt bewiesen.

In der Schweiz ist die Digitalisierung ein Schwerpunktthema in der Entwicklung der Arbeitswelt und der Arbeitsformen. Digitalisierung ist auch international eine Herausforderung. Welche Parallelen siehts du zwischen den Auswirkungen in der Schweiz und im Ausland?
Die Herausforderungen sind in der Schweiz und im Ausland die gleichen. Die Arbeitswelt durchläuft tiefgreifende Veränderungen, nicht nur aufgrund der Digitalisierung, sondern auch aufgrund der Bevölkerungsentwicklung, des Klimawandels und der Globalisierung. Die ILO musste sich auch dieser Frage annehmen, was sie mit einer Jahrhunderterklärung zur Zukunft der Arbeit getan hat. Die Erklärung fördert einen am Menschen orientierten Ansatz mit drei Stossrichtungen: in das Humanpotenzial und die Bildung investieren, in die Institutionen des Arbeitsmarkts investieren und eine Politik verfolgen, die ein günstiges Umfeld für nachhaltige Unternehmen, für wirtschaftliches Wachstum und für menschenwürdige Arbeit für alle fördert. Das Thema des lebenslangen Lernens und der Fortbildung ist eine globale Herausforderung.

Wir stehen heute sowohl auf lokaler als auch auf globaler Ebene vor grossen Herausforderungen: die Gleichstellung von Frau und Mann, die Digitalisierung, das lebenslange Lernen und der soziale Schutz. Nichts ist selbstverständlich. Soziale Fortschritte sind das Ergebnis gemeinsamer Anstrengungen. Die gesetzlichen Errungenschaften sind Mindestvorschriften. Arbeitsbedingungen in Unternehmen mit GAV sind meist besser. Dies dank den Sozialpartnern und ihrem Einsatz. Um es mit den Worten von Valérie Berset Bircher auszudrücken: «Der Schutz der Arbeitsrechte kann eine ‹Seilschaft mit einem gemeinsamen Ziel und mit gegenseitiger Hilfeleistung› gut gebrauchen.»

(Interview: Albane Bochatay, Wissenschaftliche Mitarbeiterin)
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