Die berufliche Vorsorge auf dem Prüfstand

Die berufliche Vorsorge auf dem Prüfstand © Gaby Möhl | transfair
14.04.2021

Die berufliche Vorsorge (2. Säule) ist ein bewährtes und nachhaltiges Sozialsystem. Heute steht es allerdings vor grossen Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund hat Travail.Suisse mit dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund und dem Schweizerischen Arbeitgeberverband einen Kompromiss verhandelt. transfair hat sich mit Tom Bauer, dem Verantwortlichen Sozialpolitik bei Travail.Suisse, darüber unterhalten.

Die Situation der Pensionskassen (PK) ist derzeit aufgrund der niedrigen Zinsen an den Finanzmärkten und der steigenden Lebenserwartung schwierig. Das Rentenniveau der Arbeitnehmenden zu gewährleisten ist eine Herausforderung. Auch für die PK, in denen die Mitglieder von transfair versichert sind.

Die Sozialpartnerschaft steht im Zentrum der 2. Säule

transfair spielt in der 2. Säule eine wichtige Rolle. Einerseits ist der Personalverband durch seine Mitglieder in den obersten Gremien, den Stiftungsräten, vertreten. Die Vertreterinnen und Vertreter von transfair setzen sich für die Interessen der Arbeitnehmenden ein. Wenn es im aktuellen schwierigen Umfeld vorkommt, dass die PK Massnahmen ergreifen, die sich auf die Renten der Arbeitnehmenden auswirken können, werden transfair und die weiteren Sozialpartner konsultiert, um die Auswirkungen auf die Renten möglichst gering zu halten.

transfair setzt sich in seinen Branchen für nachhaltige Renten ein

Die Mitglieder von transfair sind in unterschiedlichen, umhüllendenPensionskassen versichert. Die wichtigsten sind die PK Post, die PK SBB, comPlan (Swisscom) und PUBLICA (Bundesverwaltung). Aufgrund der sinkenden Zinsen und der steigenden Lebenserwartung haben alle genannten PK in den letzten Jahren ihre Umwandlungssätze senken müssen. Die Sozialpartner, einschliesslich transfair, wurden konsultiert und haben dazu beigetragen, den Rentenverlust für die Angestellten zu minimieren. In jedem Fall wurden Ausgleichsmassnahmen vorgesehen. Meist leisten alle Beteiligten, also Pensionskassen, Arbeitgeber und Arbeitnehmende, ihren Beitrag zur Stabilisierung bei. Im Fall der Post und der SBB zum Beispiel hat der Arbeitgeber hunderte von Millionen Franken zur PK beigesteuert. Teilweise findet eine Sanierung auch durch höhere  Sparbeiträge der Arbeitgeber und/oder der Arbeitnehmer statt.

BVG 21 – der Kompromiss der Sozialpartner

Die 2. Säule steht vor Herausforderungen und muss zwingend gestärkt werden. Der Bundesrat hat alle Sozialpartner aufgefordert, eine gemeinsame Lösung zu finden. Travail.Suisse, der Dachverband von transfair, nahm dabei eine aktive Rolle ein und hat mit dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund und dem Schweizerischen Arbeitgeberverband einen guten Kompromiss gefunden. Insbesondere im Hinblick auf den BVG-Mindestumwandlungssatz. Dieser Kompromiss wird derzeit im Parlament debattiert. 

transfair hat sich mit Thomas Bauer, Leiter Sozialpolitik bei Travail.Suisse unterhalten

 


Er führt die Verhandlungen vonseiten Travail.Suisse und gibt Antwort auf die wichtigsten Fragen.
 
Wieso braucht es einen solchen Kompromiss?
Derzeit ist es aufgrund der niedrigen Zinsen sehr schwierig, Renditen zu erzielen. Hinzu kommt, dass die Menschen in der Schweiz älter werden als noch vor ein paar Jahren. Dadurch sinken die Renten der 2. Säule, bei denen der Umwandlungssatz nicht gesetzlich geregelt ist. Also auch bei den Pensionskassen der Branchen von transfair. Da das aktuelle Gesetz die Entwicklung der Gesellschaft und der Arbeitswelt nicht widerspiegelt, sehen sich bestimmte Bevölkerungsgruppen, wie Menschen mit geringem Einkommen, Teilzeitbeschäftigte, insbesondere Frauen und ältere Arbeitnehmende, mit erheblichen Lücken in ihrer Altersvorsorge konfrontiert. Mit dem Kompromiss wollen wir diese Lücke schliessen.
 
Worum geht es im Sozialpartnerkompromiss für die BVG 21?
Es handelt sich um einen BVG-Reformvorschlag, der zwischen Travail.Suisse, dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund und dem Schweizerischen Arbeitgeberverband verhandelt wurde. Er soll die Renten trotz den Herausforderungen auf den Finanzmärkten und der steigenden Lebenserwartung sichern. Konkret bedeutet dies:
  • Senkung des BVG Mindestumwandlungssatzes von 6,8 auf 6 Prozent.
  • Rentenzuschlag, der das aktuelle Rentenniveau sichert und niedrige Renten verbessert.
  • Halbierung des Koordinationsabzugs durch die Erhöhung des versicherten Lohns.
  • Anpassung der Altersgutschriften, also die bessere Verteilung der altersabhängigen Sätze,  um der neuen Arbeitswelt Rechnung zu tragen
 
Was genau ist der Rentenzuschlag?
Durch die Senkung des Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6 Prozent würden die Renten sinken. Der Reformvorschlag sieht einen Rentenzuschlag vor, der die Rentenleistung auf demselben Niveau aufrechthält und der niedrige Renten verbessert. Alle neuen Pensionierten erhalten lebenslang einen Rentenzuschlag. Dieser ist unabhängig vom Rentenbetrag und wird solidarisch durch die Erhöhung der Sparbeiträge von Arbeitnehmenden und Arbeitgebern finanziert.
 
Welches sind die Vorteile dieses Kompromisses und wer profitiert davon?
Dieser Vorschlag ist im Interesse aller, unabhängig davon, in welcher Pensionskasse man versichert ist. Der Rentenzuschlag wird die Renten von Menschen mit tiefen und mittleren Einkommen, insbesondere von Frauen (Stichwort Teilzeitarbeit), direkt verbessern. Heute sind die Renten der Frauen im Durchschnitt 63 Prozent kleiner als die der Männer. Der Vorschlag sieht auch eine Senkung der Sozialversicherungsbeiträge für ältere Arbeitnehmende vor. Diese Massnahme ermöglicht eine schnellere Wiedereingliederung dieser Mitarbeitenden in den Arbeitsmarkt, da das Argument «ältere Menschen sind zu teuer» nicht mehr gelten würde. Die Senkung der Versicherungsbeiträge bedeutet zwar, dass in diesen letzten Arbeitsjahren weniger gespart wird, jedoch wird es zu keinen Renteneinbussen kommen. Denn mit dem Rentenzuschlag, dem tieferen Koordinationsabzug und den teilweise höheren Sparbeiträgen in frühen Arbeitsjahren findet ein Ausgleich statt.
 
Ein paar Worte zum Schluss?
Wenn die Zinssätze nicht steigen, sind die Herausforderungen für die 2. Säule auch morgen noch da. Wir müssen bedenken: die  Sozialpartner, die quasi Garant für die 2. Säule sind und von Arbeitnehmenden und Arbeitgebern getragen wird, waren bereit, sich auf einen guten Kompromiss zu einigen. Ich hoffe, dass diese innovative Lösung den politischen Prozess erfolgreich durchlaufen wird. So können wir das dringend benötigte Vertrauen in die 2. Säule zurückgewinnen.
 
Welches sind die Vorteile des BVG-Kompromisses für die Mitglieder von transfair?
Innerhalb der PK der Sozialpartner von transfair gilt der minimale BVG-Umwandlungssatz für den obligatorisch versicherten Lohn von 85'320 CHF. Über diesem Betrag wählen die PK den Umwandlungssatz selbst. In Anbetracht der aktuellen Situation tendieren sie dazu, den Umwandlungssatz zu senken. Infolgedessen haben die Versicherten zum Teil bereits Kürzungen ihrer Renten hinnehmen müssen. Die Reform bietet deshalb auch den Mitgliedern von transfair drei wesentliche Vorteile:
  • Der Rentenzuschlag entschädigt Versicherte, die in den letzten Jahren bereits Renteneinbussen erlitten haben. Versicherte von PK mit einem umhüllenden Umwandlungssatz profitieren ebenfalls. Der Rentenzuschlag gilt für alle und dient nicht nur der Sicherstellung der obligatorischen Leistungen.
  • Derzeit bedeutet die schrittweise Senkung des Umwandlungssatzes auch, dass sich die Renten der Versicherten nicht unbedingt erhöhen, wenn sie mehr in ihr Kapital investieren wollen. Die Reform ermöglicht es, in Zukunft besser versichert zu sein.
  • Das System der 2. Säule wird als Ganzes stabilisiert.
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