Die Zeit ist reif: Vaterschaftsurlaub jetzt!

Die Zeit ist reif: Vaterschaftsurlaub jetzt!
10.09.2020

Am 27. September 2020 stimmt die Schweiz über 2 Wochen Vaterschaftsurlaub ab. transfair setzt sich an GAV-Verhandlungen seit jeher für einen Vaterschaftsurlaub ein. Jetzt ist es an der Zeit, dass die ganze Schweiz einen erhält – und zwar unabhängig vom Goodwill des Arbeitgebers. Darum ist die Aufforderung von transfair klar: Ja zum Vaterschaftsurlaub!

Die Geburt des eigenen Kindes ist ein einzigartiger, emotionaler Moment. Doch nach 24 Stunden müssen Väter in der Schweiz bereits wieder zurück an den Arbeitsplatz. Wird dieser eine Tag, so viel also, wie man auch für einen Wohnungsumzug erhält, den Bedürfnissen der heutigen Familien gerecht? Und ist es fair, dass nur die Väter von mehr Vaterschaftsurlaub profitieren, die das Glück guter Arbeitsbedingungen haben? Nein. Darum braucht es eine gesetzliche Regelung. 

Die Vorlage in Kürze

Ende September lautet die Frage: Wollen Sie die Änderung vom 27. September 2019 des Bundesgesetzes über den Erwerbsersatz für Dienstleistende und bei Mutterschaft (Erwerbsersatzgesetz, EOG) annehmen? Ein Ja bedeutet, dass in der Schweiz wohnhafte und erwerbstätige Väter (also auch selbstständig erwerbende) einen 2-wöchigen bezahlten Vaterschaftsurlaub erhalten. Dieser kann am Stück oder tageweise in den ersten 6 Monaten nach der Geburt bezogen werden. Väter erhalten in dieser Zeit 80 Prozent ihres Lohnes, maximal 196 CHF pro Tag. Die Kosten für den Vaterschaftsurlaub werden über die Erwerbsersatzordnung finanziert. Der jetzige Satz müsste um ein halbes Promille von 0,45 auf 0,5 Prozent erhöht werden. Bei einem Monatslohn von 6500 CHF beträgt der monatliche Beitrag knapp CHF 1.95 pro Person, pro Jahr also 24 CHF. 

transfair im Einsatz für alle Väter der Schweiz! 

So viel zu den Facts & Figures. Doch warum setzt sich transfair überhaupt für den Vaterschaftsurlaub ein? In allen Branchen bestehen ja bereits gute Regelungen, die über das gesetzliche Minimum von 1 Tag hinausgehen. Nun, transfair sieht, welch wichtige Rolle der oft hart verhandelte Vaterschaftsurlaub in den GAV spielt. Und es darf nicht sein, dass Väter heutzutage einzig vom Goodwill der Arbeitgeber abhängig sind. Es ist Zeit für eine gesetzlich geregelte Lösung. 

transfair ist seit Beginn Feuer und Flamme für den Vaterschaftsurlaub. Mit dem Start der Initiative für 4 Wochen Vaterschaftsurlaub am 24. Mai 2016 haben transfair, Travail.Suisse und weitere Partner dem Vaterschaftsurlaub zum ersten Mal grossflächig Gehör verschafft. Diese Initiative bildet die Grundlage für den jetzigen Vorschlag von 2 Wochen. 

transfair ist überzeugt: Es ist endlich Zeit für einen familienpolitischen Schritt in die Zukunft. Und auch das Parlament, der Bundesrat und ein breites überparteiliches Komitee von links bis rechts und von jung bis alt ist dieser Meinung. Die Zeit ist reif für einen Vaterschaftsurlaub – das Bedürfnis danach ist allgegenwärtig. 

Für unsere Familien

Väter wollen von Anfang an Verantwortung übernehmen, Betreuungs- und Familienarbeit leisten und mehr Flexibilität, um für ihre Kinder da zu sein. Nach der Geburt brauchen Väter dringend Zeit, um zu ihrem Kind eine Beziehung aufzubauen, in der Erziehungsarbeit Verantwortung zu übernehmen, als Familie zusammenzuwachsen, sich an den neuen Alltag zu gewöhnen und für die Mutter des Kindes da zu sein. Das muss in einem reichen Land wie der Schweiz möglich sein. Und zwar für alle! 

Der Vaterschaftsurlaub hat auch auf Mütter einen entscheidenden Einfluss. Im Vergleich zu früher (14 Tage) ist eine frisch gebackene Mutter nur noch 3 Tage im Spital. Die Erholung der Mutter findet also im Wochenbett statt. Und auch wenn die medizinische Versorgung gewährleistet ist, so ist es doch entscheidend, dass die Mutter dabei von ihrem Partner unterstützt wird. Die Gefahr von postpartalen Erkrankungen lässt sich so, das beweisen Studien aus Schweden, minimieren

Auch die Kleinsten unserer Gesellschaft brauchen den Vaterschaftsurlaub. Sie machen in ihren ersten Wochen einiges durch: neue Umgebung, Stress, Überforderung. In dieser Phase ist es unabdinglich, dass sie verfügbare Bezugspersonen um sich haben. Ist ausschliesslich die oft gestresste Mutter für die Betreuung nach der Geburt zuständig, so kann dies erstens negative Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes haben und zweitens hat ein Vater so oft keine Chance, eine Vertrauensperson für sein eigenes Kind zu sein. Doch Kinder brauchen beide Eltern – von Anfang an. 

Für unsere Wirtschaft

Vaterschaftsurlaub ist ein echter Wettbewerbsvorteil. Das haben grosse Arbeitgeber schon lange erkannt. Doch Betriebe, die sich mit der heutigen unsolidarischen Regelung keinen Vaterschaftsurlaub leisten können, haben das Nachsehen. Sie verlieren junge Fachkräfte an die attraktivere Konkurrenz. Die 2 Wochen Vaterschaftsurlaub sind tragbar und auch für das wirtschaftliche Rückgrat der Schweiz – die KMU – ein echter Gewinn. Mit der Vorlage von 2 Wochen werden die Kosten nämlich solidarisch auf Erwerbstätige und Arbeitgeber verteilt. Ein gesetzlich geregelter Vaterschaftsurlaub gibt den KMU also endlich gleich lange Spiesse wie den Grosskonzernen. 

Und Hand aufs Herz; ändert sich das Leben so schlagartig wie nach einer Geburt, so reicht 1 Tag bei Weitem nicht, um sich zurechtzufinden. Im Gegenteil, Väter, die nach 1 Tag wieder arbeiten müssen, sind unkonzentriert und es ist aus unternehmerischer Sicht nicht effizient, sie bei der Arbeit zu haben. Zufriedene Väter sind leistungsfähigere Mitarbeiter. 

Der Vaterschaftsurlaub ist aber auch ein wirksames Mittel gegen den Fachkräftemangel. Ist ein Vater von Anfang involviert in die Kinderbetreuung, so erleichtert er seiner gut ausgebildeten Partnerin den beruflichen Wiedereinstieg. In der Schweiz gibt es nach wie vor zahlreiche qualifizierte Frauen, die nicht oder nur mit kleinem Pensum in den Beruf zurückkehren – weil die gesetzlichen Anreize für einen Wiedereinstieg fehlen. Wer will, dass Frauen nach einer Geburt wieder auf den Arbeitsmarkt zurückkehren, der muss Vätern eine aktive Rolle bei der Betreuung der Kinder zugestehen. 

Für unsere Zukunft

Covid-19 hat eines gezeigt: Stabile Familien bilden das Rückgrat einer krisenresistenten Gemeinschaft. Der Vaterschaftsurlaub erleichtert den Frauen den beruflichen Wiedereinstieg. Arbeiten beide Elternteile, so schafft das Stabilität – fällt ein Einkommen weg, so ist der zweite Elternteil noch immer auf dem Arbeitsmarkt verankert. Stabilere Familieneinkommen und Familienstrukturen bedeuten also auch eine stabilere Zukunft. 

Die demografischen Herausforderungen führen auch bei der Altersvorsorge zu Ungleichgewichten. Soll diese Problematik nicht mit Zuwanderung gelöst werden, so braucht es mehr Kinder. Eine gute Familienpolitik hilft dabei: Länder mit einem Vaterschaftsurlaub haben eine höhere Geburtenrate. Ein Vaterschaftsurlaub ist deshalb auch eine Investition in die Zukunft der AHV

Die Schweiz ist nicht nur in Sachen Vaterschaftsurlaub das Schlusslicht der europäischen Länder. Auch in diversen Gleichstellungsbereichen muss die Schweiz aufholen. Die Familiengründung ist ein zentraler Moment für die Rollenverteilung in der Familie. Auch wenn sich heutzutage viele Familien vom klassischen Rollenbild loslösen wollen, gelingt dies nicht immer. Frauen haben so auch heute noch wesentlich kleinere Chancen in der Berufswelt. Ein Vaterschaftsurlaub wird den Bedürfnissen nach einer neueren Rollenteilung gerecht und sendet ein klares Zeichen für mehr Gleichstellung

Eine Investition, die sich lohnt

Der Vaterschaftsurlaub bringt uns allen etwas! Sagen wir also Ja zum moderaten und pragmatischen Vorschlag von 2 Wochen und verhelfen wir der Schweiz zu einer moderneren Familienpolitik. Es ist eine Investition in die Zukunft, in unsere Familien und in unsere Wirtschaft. Danke für Ihr Ja am 27. September 2020!