transfair talk vom 27. März 2013

 transfair talk vom 27. März 2013 © Gaby Möhl, transfair
28.02.2013

Gestern Abend fand im Kursaal Bern der transfair talk statt. Die spannende Podiumsdiskussion zum Thema „Sparen – zu welchem Preis?“ drehte sich um Outsourcing-Strategien von Unternehmen in Bundeshand. transfair Präsidentin Chiara Simoneschi-Cortesi und Branchenleiter Robert Métrailler debattierten auf dem Podium mit Carsten Schloter, Véronique Gigon und Martin Candinas. transfair zieht aus der Diskussion folgenden Schluss: Der Bund muss handeln!

Gestern Abend fand im Kursaal Bern der transfair talk statt. Die spannende Podiumsdiskussion zum Thema „Sparen – zu welchem Preis?“ drehte sich um Outsourcing-Strategien von Unternehmen in Bundeshand. transfair Präsidentin Chiara Simoneschi-Cortesi und Branchenleiter Robert Métrailler debattierten auf dem Podium mit Carsten Schloter, Véronique Gigon und Martin Candinas. transfair zieht aus der Diskussion folgenden Schluss: Der Bund muss handeln!
 

Anlass zum talk

Vor dem Einstieg in die Diskussion ging Moderatorin Myriam Holzner kurz auf die Vorgeschichte des talks ein. Am 14. März 2012 erklärte SBB-CIO Peter Kummer auf inside-channels.ch, dass externe Partner der SBB aus Kostengründen auf Near- oder Offshoring zurückgreifen müssten. Für die SBB sei es „grundsätzlich irrelevant, ob die Software in Bangalore oder Bern entwickelt wird“. Adressat dieser Aufforderung war unter anderen Swisscom IT Services (ITS).
Die Swisscom-Tochter will die auslaufenden Verträge mit der SBB verständlicherweise verlängern. Sie prüft im Rahmen eines Projekts, welche Leistungen sich standortunabhängig – konkret: im Ausland - erbringen lassen.
transfair stellte aufgrund dieser Ereignisse die Frage, ob es korrekt ist, wenn ein Unternehmen in Bundeshand unter Kostendruck auf die Auslagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland setzt.
 

Facettenreiche Thematik

Auf dem Podium hatten die Teilnehmenden die Gelegenheit, ihre Sicht der Dinge aufzuzeigen. Die verschiedenen Blickwinkel führten denn auch auf, wie facettenreich das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichem Unternehmertum und politischen Vorgaben ist. Carsten Schloter relativierte die Absichten der Swisscom zur Auslagerung, betonte aber die Besonderheit der ITS, die sich im globalen Wettbewerb der IT-Branche bewegt und kostengünstigere Angebote schaffen muss, wenn sie den Anschluss an den Markt nicht verlieren will. Auch Chiara Simoneschi-Cortesi betonte die Besonderheit der IT-Branche. Gerade weil die digitale Gesellschaft und mit ihr die IT-Zukunftsbranche geboren sei, gelte es, den IT-Standort Schweiz zu stärken. Innovationen im IT-Bereich müssten von Schweizer Firmen innerhalb der Schweiz verfolgt werden. Véronique Gigon, Stellvertretende Generalsekretärin des UVEK, erklärte, dass der Bundesrat bewusst in die MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) investiere. Die Bundesbetriebe hätten bei der Umsetzung der strategischen Ziele des Bundesrates eine wichtige Vorbildfunktion. transfair Branchenleiter Robert Métrailler zweifelte das Outsourcing als Erfolgsmodell per se an. Die Swisscom würde nicht nur im qualitativen Bereich Einbussen machen, sondern auch Fragen der Sicherheit würden sich bei einer Auslagerung ins Ausland stellen.
 

swiss-managed neben swiss-produced

Carsten Schloter distanzierte sich klar von einer blinden Gewinnorientierung und äusserte sich selbst kritisch gegenüber der Auslagerung von Aufgaben ins Ausland – gerade wegen der qualitativen Einbussen. Er betonte, dass sich die Swisscom ihrer Verantwortung und ihrer Vorbildfunktion bewusst sei. Die Swisscom soll lediglich die Auslagerung von Teilaufgaben andenken, um mit einem kostengünstigeren Angebot auf dem globalen Markt konkurrenzfähig zu bleiben. Er verdeutlichte die Absicht, sowohl „swiss-produced“ als auch “swiss-managed“ anzubieten. Nationalrat Martin Candinas hatte klare Bedenken gegenüber der Zukunft einer „swiss-produced“-Nachfrage, wenn die Swisscom ein kostengünstigeres Angebot schaffen und ausbauen würde, das lediglich „swiss-managed“ ist. Er kam zu Schluss, dass es nicht sein darf, "dass eine Verschiebung von Arbeitsplätzen von den Schweizer Zentren ins Ausland stattfindet“. Er sieht den Bund in der Pflicht, dieser Entwicklung einen Riegel vorzuschieben.
Der Swisscom CEO argumentierte, es liege beim Kunden, die Qualität gegen die Kosten abzuwägen. Vor dem Hintergrund der Aussagen der SBB blieb diese Perspektive beunruhigend. Candinas wies darauf hin, dass der Bund seine Rolle als Eigner der Unternehmen wahrnehmen muss, wenn ein Unternehmen wie die SBB nicht einfach nur das günstigste Angebot vorziehen soll. An dieser Stelle wurde der Ball der SBB zugespielt, die sich der Diskussion auf dem Podium leider nicht stellte.
 

Für transfair geht die Diskussion weiter

Unser Fazit aus dem gestrigen Abend ist klar: Es besteht Handlungsbedarf. Unsere Präsidentin hat während des talks wiederholt auf die inkohärente Politik auf Bundesebene hingewiesen: „Die eine Hand weiss nicht mehr, was die andere tut“. transfair wird sich dafür starkmachen, dass der Bundesrat den Auftrag erhält zu überprüfen, inwiefern die Kohärenz seiner Ausbildungspolitik gefährdet ist, wenn einerseits die MINT-Berufe gefördert werden, andererseits seine Betriebe im IT-Bereich auf Auslagerungen ins Ausland setzen. Ausserdem fordert transfair, dass der Bund seine Führungsverantwortung bezüglich sozialer und gesamtwirtschaftlicher Ziele der Bundesbetriebe wahrnimmt.
Als Sozialpartner von Swisscom wird transfair die Entwicklung weiterhin beobachten. Auf dem Podium hat Carsten Schloter seiner eigenen kritischen Haltung gegenüber Outsourcing-Strategien Ausdruck verliehen. Wir hoffen, dass der CEO  diese Haltung beibehält und den Worten von heute, Taten von morgen folgen lässt.