Stellenabbau durch Auslagerungen nach Vietnam?

Stellenabbau durch Auslagerungen nach Vietnam? © Die Schweizerische Post
18.07.2016

Zur Zeit läuft bei PostMail (PM) ein fünf Wochen dauerndes Pilot-Projekt, das die neue Funktion «Extraktionscodierung» über die Post-Tochter SPS (Swiss Post Solutions) in Vietnam testet. In den zwei Logistikzentren Retourenverarbeitung und Videocodierung (LRV) in Sitten und Chur und in den Briefzentren macht sich Verunsicherung breit, weil qualifizierte Arbeitsplätze in Randregionen immer rarer werden und das Briefvolumen laufend sinkt. Zur Unsicherheit trägt auch die aktuell ungenügende Berichterstattung in der Presse bei.

Ist die Investition in modernste und superteure Maschinen gerechtfertigt, wenn nun billige Arbeitskräfte in Vietnam, deren Arbeit für Adresserkennung der Brief- und Paketpost übernehmen müssen? Um was geht es und was sind die Konsequenzen für die Arbeitsstellen in der Schweiz und in Vietnam? transfair beleuchtet die Situation und klärt auf.

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Millionenschwere Investitionen in FSM

Um die Bearbeitung der Retouren und die Video-Codierung zu vereinfachen, startete PostMail im Jahre 2014 das Projekt Correo unter der Leitung von Frédéric Balet. Zweifellos handelt es sich auch hier um ein weiteres Projekt zur Kostenoptimierung und Qualitätssteigerung. Das Projekt besteht aus drei Teilprojekten. 1. Eingangssortierung von B-Post-Retouren mit Datamatrix-Code (DmC). 2. Extraktionscodierung. 3. Videocodierung von Retouren.

Eingangssortierung von B-Post-Retouren mit Datamatrix-Code

In den drei Briefzentren Härkingen, Zürich-Mülligen und Eclépens sind Sortiermaschinen vom Typ FSM im Einsatz. Diese können seit Dezember 2014 normal- und grossformatige B-Post-Retouren mit Datamatrix-Code (DmC) in den normalen Eingangsprogrammen sortieren. Dies hat zur Folge, dass weniger Retouren von Hand sortiert werden müssen, Kosten eingespart und die Qualität verbessert werden kann. Dadurch, dass weniger von Hand und tiefer – bis auf Stufe Botenbezirk – sortiert wird, reduziert sich der Aufwand in der Vorsortierung der Briefzustellung, in den Briefzentren nimmt der Aufwand aber zu und die Auslastung der Sortiermaschinen wird erhöht. Dieses Teilprojekt ist seit Dezember 2014 abgeschlossen.

Extraktionscodierung

Das zweite Teilprojekt ist seit Ende 2013 unterwegs. Mit der Videocodierung in den beiden Logistikzentren Retourenverarbeitung und Videocodierung (LRV) Chur und Sitten wird nur die Postleitzahl manuell erfasst, wenn die Sortiermaschinen diese nicht lesen können. Die sogenannte Extraktionscodierung verbessert die Codiertiefe bis maximal auf Stufe Empfängername und umfasst Name, Vorname, Strasse und Hausnummer, Ort und Postleitzahl. Die Extraktionscodierung erlaubt es, noch mehr Briefe in Gangfolge zu sortieren. Projektleiter Balet erwähnt in der April-Ausgabe 2015 des PM-Magazins, dass die Dienstleistung Extraktionscodierung in der Schweiz nicht kostendeckend erbracht werden könnte. Aktuell findet nun der Pilotversuch mit SPS Vietnam statt. SPS Vietnam ist eine Tochtergesellschaft von SPS Schweiz AG. Und diese wiederum eine Konzerngesellschaft der Post CH AG. Der Projektleiter geht davon aus, dass mit der Einführung dieser neuen Technologie keine Stellen in den LRV Sitten und Chur verloren gehen. Er begründet dies damit, dass die Extraktionscodierung ein zusätzlicher Codieraufwand sei und verbesserte oder neue Dienstleistungen für Empfänger ermöglicht. So wird z. B. das Vorliegen eines Nachsendeauftrags früher erkannt und die Sendung an den richtigen Ort gesteuert. Weitere Innovationen wie z. B. eine SMS-Avisierung für eingeschriebene Sendungen sind in Prüfung. In den LRV sieht man sich derweil mit rückläufigen Retourenmengen und einem Stellenabbau konfrontiert, was gemäss Balet aber mit der generell rückläufigen Mengenentwicklung, der verbesserten Adressqualität und der Zunahme von Sendungen mit DmC zu tun hat.  Betroffene Mitarbeitende bezweifeln diese Aussagen und es stellt sich die Frage, wo diese Aufwände erbracht werden, etwa auch in Vietnam? Voraussichtlich im Herbst 2016 wird PostMail darüber entscheiden, ob die Extraktionscodierung tatsächlich eingeführt wird.

Videocodierung von Retouren

«NCS-REVI» wird das dritte Teilprojekt bezeichnet. Darin wird geprüft, ob auch Retouren videocodiert und somit automatisch sortiert werden könnten. Im Moment ist dieses Teilprojekt in der Konzeptphase, welche noch bis Ende November 2016 dauert. Es geht darum, die Retouren nicht mehr physisch in die beiden LRV  zu schicken, sondern nur noch Bilder der Sendungen zur Videocodierung zu übermitteln. Projektleiter Balet geht davon aus, dass in den beiden LRV der Aufwand in der Retourenverarbeitung abnimmt, in der Videocodierung  jedoch zunehmen wird. Auch hier wird die Geschäftsleitung PostMail voraussichtlich im Herbst 2016 darüber entscheiden, was bis 2018 allenfalls umgesetzt wird.

Was unternimmt PostMail, um die Unsicherheiten der Mitarbeitenden in den zwei LRV (Logistikzentren für Retouren- und Videocodierung) Sitten und Chur sowie in den Briefzentren ernst zu nehmen?

Die Mitarbeitenden vor Ort wurden bereits im Dezember 2013 von den verantwortlichen Vorgesetzten und dem Projektleiter über die anstehenden Konzeptarbeiten informiert. In der Zwischenzeit wurde und wird anlässlich verschiedener Meilensteine im Projekt via Personalinformationen (Aushang / Intranet) und Mitarbeiterzeitschrift (PM-Magazin) informiert, so auch wieder zum Start des Pilots Extraktionscodierung. Eine nächste Dialogveranstaltung in Sion und Chur ist im zweiten Halbjahr 2016 geplant.

Was sagt transfair dazu?

Wenn man die Situation aufmerksam analysiert, stellt man fest, dass es sich bei der Extraktionscodierung (ExCo) um keine Auslagerung einer bereits bestehenden Geschäftstätigkeit der Post ins Ausland handelt. Die ExCo ist eine Arbeit, die in der Schweiz noch niemand erledigt, da sie hier nicht kostendeckend erbracht werden könnte und deswegen im Inland auch nicht eingeführt würde. Folglich ist dadurch in den beiden LRV in Sitten und Chur auch kein Stellenabbau zu erwarten. Eine allfällige Stellenreduktion beim Zustellpersonal durch die tiefere maschinelle Sortierung GFS (Gangfolgesortierung) bzw. infolge Wegfall von Vorarbeit würde über die ordentliche Fluktuation erfolgen. Die Post rechnet derzeit mit einem Minus von rund 25 Stellen bis 2018.

Die Haupttreiber für den Rückgang der verarbeiteten Retouren in den LRV (Chur und Sitten) sind der generelle Briefmengenrückgang, die verbesserte Adressqualität und die zunehmende Menge von Sendungen mit Datamatrix-Code (DmC, erlaubt die maschinelle Verarbeitung auf der FSM).

transfair bedauert die Auslagerung von Arbeitsvolumen

Der Personalverband transfair setzt sich jedoch trotzdem stark für die Beibehaltung von qualifizierten Arbeitsplätzen auch ausserhalb des Mittellandbogens ein und bedauert eine Auslagerung von Arbeitsvolumen ins Ausland. Für die Mitarbeitenden von SPS Vietnam gelten die lokalen Arbeitsbedingungen. Die Mitarbeitenden von SPS Schweiz AG profitieren von einem Gesamtarbeitsvertrag der mit dem Personalverband transfair ausgehandelt wurde. Bei der Bewertung der Situation gilt es auch zu berücksichtigen, dass einerseits der Aufbau von Arbeitsplätzen in Vietnam auch nur relativ sein wird, weil die abnehmende Briefpostmenge auch zu einer Abnahme des zu codierenden Volumens führen wird und andererseits das Zeitbudget für die Sortierung begrenzt ist. Hier profitiert die Sortierung vom Zeitvorsprung der Vietnamesen, die nämlich dann arbeiten, wenn in der Schweiz Nacht ist. transfair wird durch seinen Sozialpartnerschaftsbetreuer von PostMail, René-Pierre Thorimbert, im Rahmen der FAKO PostMail auch hier genau hinschauen, was in den noch laufenden Teilprojekten passiert und wo nötig intervenieren. Dabei wollen wir uns die möglichen Konsequenzen aufzeigen lassen und danach, wenn nötig, Massnahmen verhandeln. Wir bleiben dran!
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