Zugpersonal im Wandel - Interview mit Linus Looser

Zugpersonal im Wandel - Interview mit Linus Looser © SBB CFF FFS
25.04.2016

Das Berufsbild der Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter wird weiterentwickelt. Linus Looser, Leiter Verkehrsmanagement (VM) Personenverkehr SBB, erläutert transfair, wie er die aktuelle Lage einschätzt und gibt uns einen Einblick in die neuen strategischen Stossrichtungen.

Das Zugpersonal soll verstärkt auf die Bedürfnisse der Reisenden eingehen. An welche konkreten Aufgaben denkst du? Wird nun die Bedienung am Platz der ersten Klasse wieder aufgenommen?

Nein, die Bedienung der Reisenden am Platz steht hier nicht hinter der strategischen Neuausrichtung. Ich stelle mir vor, dass die Mitarbeitenden unsere Kundschaft persönlich ansprechen. Wir prüfen zum Beispiel, ob sich der Zugbegleiter bei den grossen Knotenbahnhöfen über die Lautsprecheransage vorstellen soll. Ich möchte unseren Mitarbeitenden die Möglichkeit und das Zutrauen geben, vor Ort im Zug auf die Bedürfnisse der Kunden einzugehen und allfällige Probleme direkt zu lösen. Wir haben gute Beispiele von Situationen, in denen es unseren Mitarbeitenden gelungen ist, die Kunden zu verblüffen. Das hat sehr viel mit Zutrauen zu tun und das müssen wir noch stärker fördern.

Welche Leistungen soll das Zugpersonal künftig konkret auch ausserhalb des Zuges wahrnehmen?

Hier denke ich vor allem an Kundenlenkungsaufgaben bei Störungen, die gegenseitige Unterstützung zwischen den Mitarbeitenden auf dem Zug und in der Bahnproduktion.

Kannst du uns ein praktisches Beispiel für die angedachte Reiseberatung «Tür zu Tür» geben?

Es geht nicht darum, unsere Kundschaft von Tür zu Tür zu begleiten. Vielmehr steht im Fokus, dass unsere Kunden nicht nur eine Zugreise planen, sondern weitere andere Aktivitäten vor und nach der Reise ausüben. Wir müssen uns immer bewusst sein, dass für die Kunden entscheidend ist, dass die gesamte Planung funktioniert. Die Reise im Zug mit der Zugbegleitung ist ein wesentlicher Teil davon.
 
Im Störungsfall muss das Zugpersonal bald nicht mehr rangieren. Wie ist das Vorgehen in Zukunft angedacht?
Es kommt äusserst selten zu einem Störungsfall, in dem das Zugpersonal rangieren oder kuppeln muss. Die Züge werden zunehmend mit Triebkompositionen geführt und unseren Mitarbeitenden fehlt die Erfahrung für diese nicht ungefährliche Arbeit. Wir haben uns deshalb entschlossen, dass das Zugpersonal künftig diese Aufgaben nicht mehr ausführen soll. In den wenigen Fällen, wo Rangieren im Störungsfall noch nötig wäre, müssen wir die Störungsbehebung mit den noch vorhandenen Möglichkeiten abwickeln.

Die Pünktlichkeit der Züge ist weiterhin ein oft genannter Kritikpunkt. Was kann das Zugpersonal zur Verbesserung der Situation beitragen?

Ein zentraler Punkt ist sicherlich die Abfertigung des Zuges. Auch bei der Präsenz des Zugspersonals, wenn es um Hilfe oder Unterstützung von Kunden geht, ist das Potenzial noch nicht ausgeschöpft. Zum Beispiel soll der Zugbegleiter mit einer optimalen Präsenz erkennen, welche Personen auf Unterstützung angewiesen sind und wo er mit seiner Hilfestellung unnötige Zeitverzögerungen vermeiden kann. Da denke ich beispielsweise an Reisende mit viel Gepäck, an die Sensibilisierung von Gruppenreisenden, an beeinträchtigte Reisende, die mehr Ein- und Aussteigzeit benötigen.

Das Zugpersonal bemängelt die eingesparte Sicherheitsbegleitung auf Zügen, die als schwierig eingestuft werden. Was unternimmt VM zum Schutz des Personals vor Drohungen und Tätlichkeiten?

Dank den Massnahmen, die wir in den vergangenen Jahren getroffenen haben, haben wir eine stabile Situation erreicht. Doch wir beobachten und analysieren die Situation mit Adleraugen. Beispielsweise analysieren Sicherheitszirkel die regionale Entwicklung und prüfen, welche Massnahmen nötig sind. Zu diesen Sicherheitszirkeln gehören auch Vertreterinnen und Vertreter des Personals. Die momentan stabile Lage kann sich durchaus schnell ändern. Sobald konkrete Hinweise eingehen, dass sich eine Situation verschlechtert hat, treffen wir unverzüglich geeignete Massnahmen.

Die Ausfälle wegen Krankheits- und Unfallabwesenheiten verharren auf hohem Niveau. Wo ortest du die Ursachen - sind es die Dienstplanungen, die zu wenig sozialverträglich sind?

Das Phänomen der hohen Absenztage ist komplex und kann deshalb nicht auf die Dienstplangestaltung reduziert werden. Dienstpläne haben für die Zugbegleiter und Zugbegleiterinnen hohe Priorität, denn sie bestimmen ihren Arbeitsalltag. Die Arbeit ist ein zentraler Bestandteil unsers Lebens und ebenso Tatsache ist, dass die unregelmässigen Arbeitsschichten mit Früh-, Spät- und Wochenendarbeit ein Bestandteil des Zugbegleitberufes sind. Unsere Mitarbeitenden sind in diesem Umfeld in unterschiedlichem Ausmass belastet.

Ich sehe die Mitarbeitenden und die Unternehmen gleichermassen in der Verantwortung, wenn es um die Gesundheit geht. SBB trägt die Verantwortung, wenn es darum geht, ein Umfeld zu schaffen, in dem man die berufliche «Fitness» erhalten kann. Dabei ist es wichtig, den vielfältigen Ansprüchen in Beruf, Freizeit und Familie genügend Gewicht zu geben und eine ausgewogene Balance zu ermöglichen. Die Mitarbeitenden sind mitverantwortlich, sich für ihren Beruf fit und einsatzfähig zu halten.

Mein Führungsteam und ich arbeiten intensiv daran, ein nachhaltiges Arbeitsumfeld zu schaffen. Aber wie gesagt: Hier müssen alle ihren Beitrag leisten. Nur so können die hohen Absenzen reduziert werden.

Digitale Revolution 4.0: Wie siehst du die mittelfristigen Auswirkungen auf das Berufsbild, das Anforderungsniveau, das Lohnniveau und den Stellenbestand?

Ich sehe mit der Digitalisierung vor allem Chancen für die Zugbegleitung. Der Fahrausweiskauf und die Informationsvermittlung verschieben sich zunehmend und sehr stark auf die elektronischen Kanäle. Das Zugpersonal wird zunehmend die wahrnehmbare persönliche Präsenz der SBB bei den Kundinnen und Kunden - das Gesicht der SBB. Zentral in den Aufgaben wird nebst der Einnahmensicherung die Kundenbegleitung sein. Darunter verstehe ich vor allem auch Problemlöser zu sein, wenn wir einen gestörten Betrieb haben oder ein Kunde Unterstützung benötigt. Wir müssen dort sein, wo der Kunde uns braucht. Entscheidend wird sein, dass der Kunde diese Präsenz spürt und das Zugpersonal als Mehrwert wahrnimmt. Mit dieser Ausrichtung werden die Anforderungen und Ansprüche an die Mitarbeitenden nicht abnehmen. In unserer mittelfristigen Planung gehen wir deshalb nicht von einer erheblichen Reduktion des Stellenbestandes aus.

Welche Entwicklungs- und Karrieremöglichkeiten hat ein Zugbegleiter, der älter als 50 Jahre ist? Kann er noch Zugchef werden oder bevorzugt VM die Jüngeren?

Entwicklungs- und Karrieremöglichkeit sind nicht eine Frage des Alters. Es ist eine Frage von Kompetenzen, Fähigkeiten und auch der Wille spielt eine wichtige Rolle. Junge Personen haben hier nicht einfach einen Bonus. Ich erwarte, dass jene Person ausgesucht wird, welche für die Erfüllung der Aufgabe am besten geeignet ist.

Wie erlebst du die Zusammenarbeit mit transfair?

Die Zusammenarbeit mit transfair empfinde ich so, wie es sich für eine Sozialpartnerschaft gehört: als konstruktiv-kritisch. Es ist mein Anspruch, die Sozialpartner frühzeitig in die relevanten Fragestellungen einzubeziehen. Denn wir können unser Geschäft nur weiter entwickeln, wenn wir eine gute Sozialpartnerschaft pflegen und für die anstehenden Herausforderungen tragfähige Lösungen finden.
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