Im Führerstand - ein Bubentraum wird wahr

Im Führerstand - ein Bubentraum wird wahr © transfair, Gaby Möhl
10.05.2016
von Gaby Möhl, Assistentin der Geschäftsführung von transfair
 
Ich musste über vier Jahrzehnte alt werden, bis ich mir diesen sogenannten «Bubentraum» erfüllen konnte. Möglich machte das Erich Schlegel, ein langjähriges und engagiertes Mitglied von transfair, der mich als Lokführer mit auf eine Reise nahm. Und das war so:
 
Morgens früh wurde ich in Zürich auf Gleis 6 erwartet.
Zusammen mit CLP Erich Fluck bestiegen wir den Führerstand der S25 Richtung Linthal. Gebannt und beeindruckt folgten meine Blicke den geübten Handhabungen des Lokomotivführers Erich Schlegel.
 
7:43 Uhr.
Wir fahren pünktlich aus dem Hauptbahnhof Zürich. Erich Schlegel schlängelt die S-Bahn gekonnt durch das auf mich wirkende Wirrwarr der metallisch schimmernden Geleise und fährt uns aus der City.
 
Der Tag erwacht.
Zur Linken der Zürichsee, der in morgendlicher Farbenpracht glitzert und funkelt. Wir passieren die Vororte Zürichs und die Perspektiven, die sich mir vom Führerstand aus bietet, sind eine Augenweide! Erwartungsvolle Augenpaare, kontrollierende Blicke auf die Bahnhofsuhr von Passanten. Zeitungslesende, musikhörende, kaffeetrinkende Pendlerinnen und Pendler  werden von uns ausgespuckt und mitgenommen. Für viele ein tägliches Ritual und mit einer Selbstverständlichkeit im Bezug auf die Pünktlichkeit bedacht, wie ich sie selber kenne.

Wir fahren durch Schneegestöber, werden von Regenschauer begleitet, der die Geleise vor uns glänzen lässt. Ich fotografiere das Erlebte, als wäre es mein letzter Tag im Leben. CLP Erich Fluck erklärt mir die Codes am Rand des Weges, weist mich auf die Weichenstellungen hin und prüft meine geografischen Kenntnisse. Wir passieren Fabrikareale. Dann wieder gleiten wir entlang eines Veloweges. Ein Skigebiet – auch das gibt es hier –  taucht auf und wir beenden die Fahrt pünktlich in Linthal. Das Dorf scheint noch im Tiefschlaf zu sein. Keine Menschenseele ist auf der Strasse.
Wir stärken uns im leerstehenden Bahnhofsgebäude bei Kaffee und Mandel-  und Zwetschenpastete, einer Glarner Spezialität, die dort für den Verzehr auf dem Tisch stehen.
 
Die Rückfahrt wirkt auf mich, bei vorgerückter Sonneneinstrahlung wieder ganz anders und verzaubert. Gratis Tourismuspanorama vom Feinsten und ich stecke mit meiner Faszination für diese Wunderwelt sogar meine zwei Begleiter an. Für sie ist es zum Alltag geworden.
 
Wieder in Zürich, begleite ich Erich Schlegel in das Personalrestaurant. Ein Bienenhaus von Menschen, die gestärkt werden wollen.
 
Um Viertel vor eins geht’s weiter.
Wir fahren von Zürich Richtung Basel, über den Flughafen. Überall warten Reisende erwartungsvoll auf den langen Bahnsteigen und quetschen sich in den Zug. Wir müssen unsere Fahrkomposition in Effretikon wenden. Gehen zu Fuss durch den nun leerstehenden Zug zurück und begegnen nur noch den zwei Zugbegleitern, die auf die Weiterfahrt warten. Über Wiesen und Felder, am Feldschlösschen vorbei, fahren wir fahrplanmässig weiter und erreichen den Zielbahnhof Basel pünktlich.
 
Die Konzentration des Lokomotivführers während der Fahrten und die moderne Technik beeindrucken mich stark und ich fühle mich als Zugsreisende sicher aufgehoben in diesem Ungetüm aus Stahl und Eisen. Etwas wehmütig schaue ich dann meinen Reisebegleitern nach, als sie Basel wieder Richtung Zürich verlassen und ich meinen Zug Richtung Bern als ganz gewöhnliche Passantin besteige.
 
Ein Bubentraum wurde erfüllt. Nun darf ich mir wieder einen neuen ausdenken ...