Stellenboom beim Staat? Mitnichten!

Stellenboom beim Staat? Mitnichten! © Parlamentsdienste 3003 Bern
15.09.2015

In den Medien wurde in den vergangenen Tagen verschiedentlich ein Stellenboom beim Staat angeprangert. Wie so oft sind die dabei genannten Zahlen nicht ganz falsch – aber eben auch nicht ganz richtig. transfair setzt die Zahlen wieder in den richtigen Zusammenhang. Anfang September wurde transfair bereits bei den Finanzkommissionen beider Räte angehört und hat sich auch dort mit Fakten und Argumenten für mehr Augenmass und weniger Spardruck eingesetzt.

Seit 1995 sollen gemäss verschiedenen Medien die Stellen beim Staat um über 40 Prozent zugenommen haben. Der Staat – neben der Bundesverwaltung und den Verwaltungen der 26 Kantone auch diejenigen der 2324 Gemeinden der Schweiz wohlgemerkt – ein im Verhältnis zur restlichen Wirtschaft masslos wachsender Arbeitgeber könnte man meinen. Doch bei genauerer Betrachtung relativiert sich das Bild deutlich:
  • Wieso wird die Veränderung seit 1995 aufgezeigt? Weil – oh Wunder! – in den verfügbaren Statistiken des Bundesamts für Statistik nie weniger Arbeitnehmende in der öffentlichen Verwaltung tätig waren als 1995.
  • Es ist hinlänglich bekannt, dass sich die Beschäftigung vom zweiten, industriellen in den dritten Sektor, den Dienstleistungssektor verschiebt. Es ist deshalb aussagekräftiger, den Stellenzuwachs in der Verwaltung mit dem Zuwachs des dritten Sektors zu vergleichen. Während die Anzahl Stellen in der Gesamtwirtschaft seit 1995 um 20 Prozent zugelegt hat (und nicht wie in den Medien falsch errechnet um 12 Prozent), stiegen diese im dritten Sektor um 31 Prozent an. Die Zahlen relativieren sich somit bereits deutlich.
  • Auch ein Vergleich aller Stellen ist nur die halbe Wahrheit, denn dadurch werden Vollzeit- und Teilzeitstellen gleich gewichtet. Gerade aber in der öffentlichen Verwaltung haben insbesondere die Teilzeitstellen massiv zugenommen – um über 163 Prozent seit 1995, demgegenüber steht ein Zuwachs von 64 Prozent in der gesamten Wirtschaft, respektive 69 Prozent im dritten Sektor. Aussagekräftiger ist somit ein Vergleich der Vollzeitäquivalente (Full-time equivalent, FTE), also der Aufrechnung aller Stellen in Vollzeitstellen. Damit fällt der Stellenanstieg der öffentlichen Verwaltung auf 37 Prozent, der Anstieg im dritten Sektor beträgt 28 Prozent.

Stellenzuwachs auch in anderen Wirtschaftsbereichen

Und schliesslich relativieren sich die Zahlen weiter, wenn man die öffentliche Verwaltung mit einzelnen Wirtschaftszweigen vergleicht. Die Anzahl FTE im Bereich der wissenschaftlichen Dienstleistungen (Beratung, Architekturbüros, Forschung, 293‘600 FTE, gegenüber 157‘700 in der öffentlichen Verwaltung) etwa stieg seit 1995 um 60 Prozent an, in der Information und Kommunikation (130‘500 FTE) stieg die Anzahl FTE im selben Zeitraum gar um 83 Prozent an. Und das sind nur zwei Beispiele. Es gibt somit durchaus andere Wirtschaftsbereiche mit deutlich stärkerem Wachstum als die Verwaltung.

Fokus Bundesverwaltung: Kosten bleiben konstant

Wenn wir den Fokus nun noch auf die Bundesverwaltung legen, sehen die Zahlen nochmals anders aus. Während 1995 der Anteil der Personalkosten im Verhältnis der Gesamtausgaben noch bei 12 Prozent lag, sank dieser Anteil in den Folgejahren rapide ab und liegt nun seit dem Jahr 2000 konstant bei Werten zwischen 8 und 9 Prozent, Tendenz sinkend. Für 2015 lag dieser Wert bei 8.3 Prozent. Mit 34‘770 FTE erreichte die Anzahl Stellen beim Bund letztes Jahr erstmals wieder einen höheren Wert als 2003 – nachdem bis 2007 Stellen abgebaut wurden, sind es nun ganze 151 FTE mehr als vor 11 Jahren.

transfair in den Finanzkommissionen: Mit Fakten gegen Spardruck

Bereits Ende August und Anfangs September hat sich transfair zusammen mit der VGB und SwissPersona an Anhörungen in den Finanzkommissionen beider Räte mit Fakten für das Personal der Bundesverwaltung eingesetzt. So stellten die Personalverbände sowohl das Lohnniveau, die individuelle Lohnentwicklung wie auch die Entwicklung der gesamten Lohnkosten des Bundes wieder in den korrekten Zusammenhang und plädierten für mehr Wertschätzung und weniger Sparmassnahmen beim Personal. transfair wird sich auch weiterhin in der Budgetdebatte einbringen und sich für ein gesundes Augenmass gegenüber dem Personal einsetzen. Zu den vom Bundesrat kommunizierten Massnahmen stehen noch einige darüberhinausgehende Vorstösse aus dem Parlament im Raum. Diese gilt es nun zu verhindern.

Übrigens: Ebenfalls in den Medien waren diese Woche noch weitere Zahlen. So werden die Parlamentarier der im Herbst zu Ende gehenden Legislaturperiode mit an die 6‘000 Vorstössen so viele Vorstösse wie nie zuvor eingereicht haben. Ein Vorstoss verursacht durchschnittlich Kosten von 6‘100 Franken. Kosten, die in erster Linie in Form von Personalkosten anfallen. Innert der letzten 20 Jahren stiegen somit die durch solche Vorstösse verursachten Kosten von knapp 18 Millionen Franken auf 34 Millionen Franken.
 
Einsatzbereiche
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